Spitzmaulnashörner, damals

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Hook-lipped Rhinocerus approaching Okaukuejo Waterhole

Am Wasserloch von Okaukuejo

Warum sich die Unbequemlichkeit lohnt
So wunderschön es auf der letzten Safari am Wasserloch von Okaukuejo war – ja, viele nehmen dafür immer noch die kleine Unbequemlichkeit in Kauf, in Okaukuejo selbst zu wohnen. Auch wenn Okaukuejo inzwischen zu einem touristischen Funnel geworden ist, wie ich das so schön nenne. Zu einer Trichterverengung, in der sich gefühlt jeder über jeden ärgert. Okaukuejo und Sesriem sind nun einmal die absoluten Meeting Points eines jeden Namibia-Touristen.
Trotzdem versuchen wir natürlich immer, die besten Bungalows für unsere Gäste zu bekommen, auch wenn die Zusammenarbeit mit dem halbstaatlichen Betreiber der Parkunterkünfte für uns seit Jahren zäh ist. Aus unserer Erfahrung bleibt bei der Instandhaltung einiges liegen, und bei der Sauberkeit haben wir in den letzten Jahren einen Rückgang beobachtet. Auch die Kommissionsstrukturen sind aus Sicht namibischer Anbieter, gelinde gesagt, unbefriedigend.
Und dennoch: Am Wasserloch zu sitzen und plötzlich, wie aus dem Nichts, einem Nashorn gegenüberzustehen, der auch zu sitzen 🙂 … das ist einfach etwas Besonderes.
Wohlgemerkt: einem Spitzmaulnashorn!

Papageienschnauze und Hammermühle

Der Name ist eigentlich offensichtlich, wenn man das Tier einmal aus der Nähe gesehen hat. Spitzmaulnashörner haben eine regelrechte Papageienschnauze – eine spitze, greifende Oberlippe. Damit befördern sie selbst daumendicke Äste ins Maul, schneiden sie mit den Backenzähnen ab und zermahlen sie anschließend wie in einer Hammermühle.
Woher dagegen die zweite Bezeichnung „Schwarzes Nashorn“ kommt, das weiß der Teufel allein. Es gibt viele Theorien: der dunkle Schlamm, in dem sich die Tiere suhlen. Oder schlicht die Abgrenzung zum „Weißen“ Nashorn, dessen Name selbst wahrscheinlich auf einem Übersetzungsfehler beruht. Jeder hält natürlich seine oder ihre eigene Theorie für die richtige, naja…

Back to the story.

Diese wundervollen Tiere gemächlich auf das Wasser zukommen zu sehen, hat schon so manche Speicherkarte gefüllt  und das noch bevor sie überhaupt das Maul zum Trinken hinunterbeugen.
Die letzte Begegnung, auf der letzten safari im August, war kurz vor und bei Sonnenuntergang. Dazu kratzte sich das Nashorn auch noch ausgiebig. In der Tat: dickfällig, oder eher, dickfellig :-).

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben…

Eigentlich wollte ich einen Beitrag über Wertschätzung schreiben. Und ein bisschen Information über Spitzmaulnashörner. Aber bei mir löst so eine Begegnung ganz tief im Hintergrund eben immer auch eine große Traurigkeit aus.
Die Geschichte dazu erzähle ich schon oft gar nicht mehr, dabei hätten meine Gäste es eigentlich verdient, auch die alten „Südwester Geschichten“ zu hören.
Zum einen, weil man weiß: Wenn es mit der Nashornwilderei so weitergeht, werden nachfolgende Generationen diese Tiere bestimmt nicht mehr in freier Wildbahn erleben.
Wir wissen ja alle, warum Nashörner gewildert werden. Als vermeintliches Wundermittel in der traditionellen Medizin Asiens, die Legende vom Potenzmittel hält sich hartnäckig, obwohl sie mit der eigentlichen Anwendung dort wenig zu tun hat, wenn er klein ist, ist er nun mal klein… if you know what I mean ;-). Als Dolchgriffe beliebt sind sie auch in den arabischen Staaten. Und heute vor allem als „nice to have“ ganz tief im Tresor der Superreichen,  ist wohl inzwischen einer der Hauptgründe.
So wird die Nashornwilderei wohl nie vollständig aufhören!
Es gibt große Konflikte darüber, ob der Nashornhandel legalisiert werden soll oder nicht. Meine Meinung kennen einige, nämlich ganz sicher! Andere sehen das anders. Tatsache bleibt: Die Nashörner sind und bleiben sehr bedroht und wenn wir nicht aufpassen, sehen unsere Enkel keine mehr.
Zum anderen aber – und das ist der eigentliche Grund – denke ich in solchen Momenten an unsere Farm zurück.

„Der Süden hat auch Wild.“

An meinen Vater. Den großen Idealisten.
„Der Süden hat auch Wild“, sagte er immer. Aus dieser Ideologie heraus wurde unsere Farm, zumindest die Hälfte davon, als Naturschutzgebiet geboren. Ein Wildcamp auf über 22.000 Hektar, das es heute noch gibt und über das wir schließlich Teil des staatlichen Nashorn-Wiederansiedlungsprojekts wurden.
Um daran teilnehmen zu dürfen, musste zuerst eine Boma gebaut werden. Eine Stallung, in der jedes Nashorn seine eigene Akklimatisierungszelle bekam, mit einer zweiten Zelle daneben …zum Säubern der Nachbarzelle. Aus dicken Balken und Drahtseilen wurde das Fort für Dickhäuter gebaut.
Das kostete damals gute 60.000 Namibia-Dollar.
Damals war das wahnsinnig viel Geld und eigentlich ein ziemlicher Irrsinn, denn der Tourismus allein hätte diese Investition niemals rentabel machen können.
Trotzdem baute mein Vater diese Boma. Er zog den Zaun des Wildreservats doppelt hoch, verstärkte jede Ecke und Biegung und sorgte für den notwendigen Schutz. Das bedeutete extrem viel Zeit, Sprit, Geld, Geduld und Aufwand. Und vor allem: Die Nashörner mussten täglich aufgesucht werden, um sicherzugehen, dass sie geschützt und in Sicherheit waren.
So kamen irgendwann die ersten Nashörner auf Nomtsas an.

Otjivasandu, Bennie und die Alte

Viele Jahre hatten wir große Freude an diesen Tieren. Wir fuhren täglich hinaus und kannten irgendwann den Charakter jedes einzelnen.
Da war die Kuh Otjivasandu, ausgesprochen zahm, die uns ganz nah heranließ, natürlich ideal für die Fotografie. Ihre Kälber dagegen waren oft kleine, freche Kerle. Eines von ihnen, kaum größer als ein Warzenschwein, ging schon zum Angriff über, als wir mit dem Auto in seine Nähe kamen. Otjivasandu stand seelenruhig daneben, während der Kleine auf uns zupreschte und seine Mock Charges machte. Mann, war das herrlich!! und gleichzeitig niedlich zu sehen, wie mutig so ein kleines Tier sein kann.
Dann gab es Bennie. Bennie wurde aggressiv, wenn er sich in seiner Mittagsruhe gestört fühlte. Oft fuhren wir einfach durchs Feld und wussten gar nicht, wo die Nashörner lagen. Sie legen sich ja nicht mitten in die offene Fläche, sondern suchen sich einen gut gedeckten Platz hinter einem Busch und verschlafen dort den Tag, sie sind schließlich vor allem nachts unterwegs. Und wenn Bennie sich gestört fühlte, ging es plötzlich los. Auf einmal rauschte und schnauf-prustete es aus dem Busch, und schon konnte man von der Seite angegriffen werden. Aber wie! Da hilft nur noch: Gas geben und hoffen.
Ich ritt damals noch regelmäßig, einen Wallach namens Echo. Der machte sich einen regelrechten Spaß daraus, bei einem Angriff parallel mit dem Nashorn mitzugaloppieren. Irgendwie schien er gemerkt zu haben, dass Nashörner nicht besonders gut sehen: Sie attackieren anfangs gezielt, laufen dann aber oft einfach der Nase nach. Und so konnte man tatsächlich tollkühn neben ihnen hergaloppieren, bis sie irgendwann abdrehten, oder man selbst lieber eine sichere Richtung einschlug.
Und dann war da „die Alte“. Die machte eigentlich alles anders als andere Nashörner. Sie stieß ihre älteren Kälber nicht weg, sondern ließ sie bei sich bleiben, selbst wenn längst ein neues Kalb da war. Obwohl Spitzmaulnashörner grundsätzlich Einzelgänger sind und man normalerweise nur die Mutter mit einem kleinen Kalb sieht, waren sie bei „der Alten“ oft zu dritt unterwegs und wenn ein Bulle dabei war, sogar zu viert, coole show.

Vorne oder hinten?

Bei „der Alten“ war auch interessant zu beobachten, wie sich die Kälber auf der Flucht verhielten. Oft rannte das Kalb hinter ihr her. Manchmal aber lief es vorne.
Unter Rangern hält sich hartnäckig eine Faustregel: Beim Breitmaulnashorn, dem sogenannten Weißen Nashorn, laufe das Kalb vor der Mutter, die es von hinten wohl steuere – beim Spitzmaulnashorn dagegen folge das Kalb der Mutter. Manche behaupten das felsenfest, in die eine oder die andere Richtung.
Ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen: Vielleicht ist es meistens so, aber sicher nicht immer! Bei der Alten war es jedenfalls sehr unterschiedlich, und auch bei anderen Spitzmaulnashörnern habe ich oft erlebt, dass die Kuh vorausging. Bei Breitmaulnashörnern kann man es meiner Meinung nach ohnehin schlechter beurteilen: Sie sind temperamentloser, und die „Struktur“ einer Flucht ist selten so gut zu beobachten.












Der Vater Staat

Der „Vater Staat“ verärgerte uns mit der Zeit allerdings zusehends.
Sehr schnell kristallisierte sich heraus, dass das, was uns am Anfang in Aussicht gestellt worden war, nicht eintraf. Wir Farmer, die sich an diesen Auswilderungsprojekten beteiligten, hatten es damals so verstanden – und so wurde es uns auch gesagt –, dass der Nachwuchs oder wenigstens ein Teil davon später uns gehören könnte und sich die Investition dadurch eventuell auch touristisch rechnen würde.
Später hieß es dann, davon sei nie die Rede gewesen.
der Beamtenapparat …
Dazu kam, dass wir teilweise alberne Schriftstücke bekamen, wenn andere Gebiete mit „unseren“ Nashörnern beliefert werden sollten. Darin stand dann zum Beispiel:
„The STATE OWNED rhinos with the names of …“
Und dieses STATE OWNED war ganz dick geschrieben und unterstrichen, damit man auch wirklich verstand, dass man keinerlei Einspruch erheben durfte und konnte.
Als dann Nashörner ausgewildert oder wieder umgesiedelt wurden, obwohl wir vorher dringend darauf hingewiesen hatten, dass einzelne Tiere tragend waren oder das Wetter für eine Translokation überhaupt nicht passte, wurden diese Bedenken ignoriert.
Und tatsächlich starben Tiere anschließend in ihrer neuen Umgebung. Woran genau, kann ich von außen nicht beurteilen, aber der Zeitpunkt und die Umstände sprachen aus meiner Sicht für sich.
Wir waren extrem verärgert. Aber damit durfte man natürlich nie an die Presse. Man durfte gar nichts sagen. Weil Nashörner so streng geschützt sind, wurde praktisch alles unter strengster Geheimhaltung gehalten. Auch bekannte Journalisten, an die ich mich damals wandte, zogen den Schwanz ein und wollten über das Thema nicht berichten.
Dabei sind mir aus jener Zeit mehrere Fälle bekannt, in denen Nashörner in Bomas verendet sind.

Dann kam der Tag, an dem die Polizei einen Wilderer festnahm – bevor wir überhaupt wussten, dass bei uns gewildert worden war. Es regnete zu der Zeit sehr stark. Wir konnten keine Inspektionen fahren, weil der Fischfluss, der Usib und der Ami-aub Wasser führten, die Ufer schlammig wurden und die Riviere nicht zu überqueren waren.
Als wir dann Hilfe beanspruchten, ein Hubschrauber musste her, hieß es, das Budget des Staates sei bereits erschöpft. Außerdem, hätten wir ja unterschrieben, den Schutz dieser Nashörner zu übernehmen.
Es kristallisierte sich also ein ziemlich einseitiges Verhältnis heraus: Wir übernehmen die volle Finanzierung und die volle Verantwortung und der Staat macht mit den Nashörnern, was er will.
Und darauf hatten wir irgendwann keinen Bock mehr.

Der Abschied

Mein Vater wurde damals sehr krank. Er schaffte es krankheitsbedingt nicht mehr dauernd auf Achse zu sein und stellte mich direkt vor die Wahl: entweder ich leiste meinen Beitrag, bin auf der Farm und sorge dafür, dass die Nashörner regelmäßig kontrolliert werden, oder wir steigen aus dem Projekt aus.
Ich hatte aber bereits mein erstes Safari-Business und konnte auch aus privaten Gründen nicht ständig auf der Farm sein. Obwohl ich sehr oft bei den Nashörnern gewesen war und diese Tiere wirklich ins Herz geschlossen hatte: Diese Verantwortung allein zu tragen, war für mich nicht möglich. Ausserdem waren wir unseres Lebens auch nicht mehr sicher, wenn dauernd Idioten schwerbewaffnet durch unseren Busch streifen.

Eines muss man unbedingt festhalten: Das Projekt war ein voller Erfolg! Unser Kalbungsintervall lag bei unter zwei Jahren, üblich sind bei Spitzmaulnashörnern eher zweieinhalb bis vier. Den Tieren ging es auf Nomtsas also blendend. Insgesamt gaben wir dem Staat gute 16 Nashörner zurück.
Ein voller Erfolg „war“. Genau dieses Wort darf es im Naturschutz eigentlich nicht geben.
Und so kam der Tag, an dem wir die Nashörner dem Staat zurückgaben.
Bei der Abholung wurden die Tiere immobilisiert und bei dieser Gelegenheit bekamen sie Sender ins Horn eingesetzt. Denn aufspüren muss man ein Nashorn, wenn man es schützen will. Ein Halsband mit Sender kommt dabei nicht in Frage: Der Hals eines Nashorns ist so dick und so kurz, dass jedes Halsband über kurz oder lang einfach abrutscht. Also bohrt man den Sender ins Horn – das Horn selbst ist gefühllos, für das Tier ist der Eingriff also unproblematisch.
Das Traurige an der Geschichte: Als die Tiere schließlich abgeholt wurden, stellte man an ihnen bereits zahlreiche Einschusslöcher fest. Die primitiven Wilderer hatten unsere armen Nashörner offenbar schon regelmäßig mit der AK-47 beschossen. Viele hatten nur überlebt, weil sie davongerannt waren.
Der Tag des Abschieds war ein trauriger Tag. Wir mussten uns eingestehen, dass wir diesen kriminellen Machenschaften nicht gewachsen waren und uns auf die Hilfe des Staates nicht mehr verlassen konnten.
Wir konnten nur hoffen, dass die Nashörner anschließend in bessere Gebiete kämen. Wohin sie gebracht wurden, wissen wir! … veröffentlichen kann ich das hier natürlich nicht. Sie wurden in Nationalparks umgesiedelt, und einige von ihnen sollen dort heute noch erfolgreich leben.

Und heute?

Nach allem, was ich in den Jahren mit unseren Nashörnern erlebt habe, ist mein Vertrauen in den staatlichen Naturschutzapparat aufgebraucht. Das sage ich inzwischen auch offen und ich sage es in der Hoffnung, dass sich etwas ändert, nicht um jemandem eins auszuwischen.
Über Korruption will ich hier gar nicht erst spekulieren; ich kann nur beurteilen, was ich selbst erlebt habe. Und was ich erlebt habe, war vor allem eines: mangelnde Sorgfalt. Zusagen, auf die kein Verlass war. Hinweise, die niemand hören wollte. Und am Ende die armen Tiere, die den Preis dafür bezahlt haben!
Denn Naturschutz muss man aus Überzeugung betreiben wollen.

Man wird aus Idealismus Naturschutzbeamter, oder so sollte es zumindest sein. Früher gab es in unserem Land große Idealisten im Naturschutz: Dr. Hugh Berry, Peter Bridgeford, Steve Brain, Rod Braby, Mark Paxton und sehr, sehr viele andere. Menschen, die mit ihrem unermüdlichen Engagement einen großen, gravierenden und positiven Unterschied für den Naturschutz gemacht haben. Menschen, die nicht einfach nur einen Beruf ausgeübt, sondern für eine Sache gekämpft haben.

Solche Persönlichkeiten vermisse ich in unserem Land schon seit vielen Jahren. Oder zumindest Menschen, die ihnen nacheifern, diesen Idealismus weitertragen und bereit sind, für den Naturschutz auch wirklich einzustehen.

Natürlich gibt es heute noch vereinzelnt Ranger, die im Feld unter schwierigsten Bedingungen einen guten Job machen. Ich kritisiere jedoch ein System, das sie, die Tiere, im Stich lässt.

Mittlerweile gibt es hier im Land sehr viele erfolgreiche Nashornschutzprojekte. Nur beziehen sich die meisten davon auf Breitmaulnashörner, denn Spitzmaulnashörner dürfen nach wie vor nur dem Staat gehören. Und wir wissen, dass gerade sie in den Nationalparks weiterhin sehr stark gewildert werden.

Und trotzdem

Währenddessen genießen wir jeden einzelnen Anblick auf jeder Safari.
Und wem es nichts ausmacht, dass das Zimmer vielleicht nicht ganz so luxuriös ist wie in mancher Lodge, dem kann ich nur empfehlen: innerhalb des Nationalparks wohnen und am Wasserloch von Okaukuejo warten, bis diese fantastischen Geschöpfe dort ihren Durst stillen.
Denn dieser Moment ist wahrscheinlich – nein, nicht wahrscheinlich, ganz sicher – einer der seltensten und schönsten Momente, die man auf einer Safari erleben kann.

PS:*Dieser Beitrag schildert meine persönlichen Erlebnisse und gibt meine persönliche Meinung wieder.












Beide Nashornarten stehen bis heute auf dem Programm unserer geführten Wildlife-Big-Five-Safari — Spitzmaul und Breitmaul, dazu Löwe, Leopard und Gepard.

Zuletzt aktualisiert am 30. August 2026 durch Albert Voigts von Schütz

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