Madagaskar
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naturkundlich mit Familie unterwegs
Mai 2026 - in Madagaskar nach Vögeln, Reptilien, Säugern, Insekten und Amphipien suchen...
Ein Reisebericht von Albert Voigts von Schütz
Gründe für diese Reise:
- Inspiration für Lisa Voigts von Graphic Arts Studio
- Interesse an der Natur Madagaskars, auf der Suche nach sämtlichen Endemiten
- Evaluierung ob Madagaskar bei Leaflove Safari ins Programm aufgenommen wird
Hier finden Sie die Bilder dieser Reise:
8.5.2026 – Hin und weg, oder Weg
Der Abflug erfolgte heute ab Walvis Bay. Wir hatten diesen Flughafen ganz bewusst gewählt, da er klein, übersichtlich und mit der Direktverbindung nach Johannesburg einfach angenehm ist. Da man für den 10-Uhr-Flug nach Antananarivo am Folgetag sowieso eine Nacht in Johannesburg bleiben muss, erschien uns dies als die entspannteste Lösung.
Geflogen sind wir mit Airlink, meiner Meinung nach eine der besten Möglichkeiten, sich im südlichen Afrika fortzubewegen. Die Maschinen sind sauber, gut gewartet und vor allem fast immer pünktlich. Gerade in Afrika lernt man solche Dinge wirklich zu schätzen.
Organisiert wurde die Reise von Desire de Waal von Desire Travel, ein Wortspiel mit coolem Marketingeffekt. Ist ja heute wichtig. Und genau mit dieser spürbaren Begeisterung hat sie unsere Reise auch geplant. Dank ihrer vielen eigenen Erfahrungen in Madagaskar stellte sie uns nicht nur eine wirklich gute Route zusammen, sondern kümmerte sich auch um Kleinigkeiten und widmete sich den speziellen Interessen meiner kleinen Reisegruppe :-).
Sie hatte uns sogar bereits online in die Flüge eingecheckt. So etwas habe ich ehrlich gesagt bei einer Reiseagentur noch nie erlebt und fand es ausgesprochen angenehm. Als ich zu Beginn mit ihr telefonierte und sie mir von Madagaskar erzählte, entfuhr ihr plötzlich ein begeistert krächzender Laut, als sie den Ruf der Indris beschrieb. In diesem Moment wusste ich: Hier ist Begeisterung. Komm, die soll das mal „machen“.
Mein Schwiegervater beömmelt sich immer köstlich, wenn Leute erzählen, sie hätten ein Land „gemacht“. Diese Angeber, die dann sagen: „We did Rome“, „We did the USA“ oder „We did China“. Genau deshalb habe ich das Wort hier ganz bewusst verwendet. 😄
Die Tage zuvor waren Lisa, Lennart und ich noch ziemlich erkältet und verrotzt, weshalb ich etwas Sorge hatte, dass wir nicht gesund in diese Reise starten würden. Doch Kinder heilen schnell, und mit Vitaminen, Schwarzkümmelöl, viel Ingwer und regelmäßigem Inhalieren von Salzwasser konnten wir die Reise dann doch einigermaßen fit antreten.
Am Flughafen wartete bereits der Gesundheitsmonitor, auf dem man sich selbst sehen konnte und der gleichzeitig automatisch Fieber kontrollierte. Glücklicherweise leuchtete bei uns das grüne Licht auf und wir konnten problemlos weitergehen.
Nach dem angenehmen zweistündigen Flug landeten wir schließlich in Johannesburg und checkten direkt im City Lodge Hotel OR Tambo Airport am Flughafen ein.
Bei Flügen über Johannesburg empfehle ich sowieso, direkt am Flughafen zu wohnen, auch wenn es etwas teurer ist. Die günstigeren Unterkünfte sind meist mit diesen gräuslichen Sammel-Taxi-Fahrten verbunden, und wer das einmal erlebt hat, wird mir vermutlich zustimmen, lieber ein paar Dollar mehr auszugeben und dafür entspannt direkt vor Ort zu sein.
Das Abendessen war hervorragend und erstaunlich günstig, sodass wir schließlich alle zufrieden und müde ins Bett fallen konnten, voller Vorfreude auf den morgigen Tag und das große Abenteuer Madagaskar.
9.5.2026 – We are doing Madagascar
Der Überflug von Johannesburg nach Antananarivo, auch einfach Tana genannt, war erstaunlich schnell. Eigentlich hatte ich mich im Flugzeug noch auf mindestens eine weitere Stunde eingerichtet und es mir gerade erst richtig bequem gemacht, als der Kapitän bereits von der Landung sprach. Schuld daran war die Zeitverschiebung, denn wir hatten auf dem Flug tatsächlich eine Stunde gewonnen. Juhu.
Am Flughafen angekommen, wurde uns beim Aussteigen tatsächlich ein roter Teppich ausgerollt. Na ja, ausgerollt nicht, der Gang hatte halt einen roten Teppich. Ganz angenehm liefen wir aus dem Flugzeug direkt in die Passhalle. Und dann kam der Schock! Gefühlt Tausende Menschen standen dort. In Wirklichkeit waren es wohl eher Hunderte. Chinesen, Japaner, vielleicht Koreaner, Geschäftsleute, NGO-Mitarbeiter, Projektarbeiter, kaum Touristen. Vielleicht fünf Bleichgesichter, wie wir es sind. Nein, vielleicht sechs mit uns zusammen.
Ich sprach mit zwei Leuten in der Schlange und beide waren aus beruflichen Gründen hier. Der eine betreute eine NGO, der andere irgendein anderes Projekt. Als Tourist, ich bin übrigens gern Tourist, fühlte ich mich hier plötzlich fast exotisch.
Erstaunlicherweise ging die Visa-Abwicklung trotz der langen Reihen unglaublich schnell. Und was mich dabei wirklich beeindruckte, war die Freundlichkeit der Beamten. Unter enormem Druck arbeiteten sie ruhig, effizient und dabei noch freundlich. Ganz ehrlich, da könnte die halbe Welt, inklusive Europa und die grummeligen Beamten in Nam, nicht alle, noch etwas lernen. Ich habe wirklich schon viele Passkontrollen erlebt, aber das hier war ausgesprochen angenehm.
Mit Visum in der Tasche traten wir hinaus ins Getümmel und ich dachte noch: Jetzt erstmal Geld tauschen, Telefonkarte organisieren und irgendwann dann wahrscheinlich den Fahrer suchen.
Das Gegenteil war der Fall.
Nicht nur unser Fahrer erkannte uns sofort, sondern auch gleich der Manager des Transportunternehmens. Er hieß Mike. Unser Fahrer übrigens Nirina. Nirina bedeutet hier übrigens „das ersehnte Kind“.
Dann ging es hinein nach Tana. Und die ersten Eindrücke erschlugen uns förmlich.
Reisfelder mitten in der Stadt, darin weidende Rinder mit zugeknöpften Unterlippen, die armen Viecher, Glockenreiher, Gänse, Menschen im Wasser, überall Leben. Und überall Armut.
Tana hat über drei Millionen Einwohner. Gefühlt sind es dreißig Millionen. Ganz Madagaskar hat wohl etwas über dreiunddreißig Millionen Menschen und ungefähr zehn Prozent davon leben hier.
Eigentlich hatten wir gehofft, vielleicht eine Galerie besuchen zu können, und hatten insgeheim ein etwas moderneres Antananarivo erwartet. Aber das hier ist real Africa!!
Enge Straßen, chaotischer Verkehr und trotzdem bewegt sich alles irgendwie vorwärts. Obst, Gemüse, Hühner, Fisch direkt neben der Straße, griffbereit vom Auto aus. Fliegen überall. Taschendiebe angeblich auch. Dazu diese uralten französischen Autos, Renaults, Citroëns, sogar noch alte Enten, die vor uns her tuckerten und weniger zur sauberen Luft beitrugen als vielmehr zum Smog, der wie eine Glocke über dieser Stadt hängt.
Als wir kurz ausstiegen, um in einem kleinen Laden etwas Kunsthandwerk anzuschauen, wurde Lisa sofort von einem Straßenmädchen bedrängt und fast schon begrapscht. Nirina blieb vorsichtshalber draußen stehen und behielt die Situation im Auge. Der Laden war allerdings nichts Besonderes und meine Chefin ordnete die Weiterfahrt an.
Zugegebenermaßen bewegten wir uns dabei fast wie Könige durch Tana. Abgeholt wurden wir nämlich in einem wunderschönen Toyota Land Cruiser Station Wagon mit Ledersitzen. Gleichzeitig fuhren wir an einem Juweliergeschäft nach dem anderen vorbei, direkt neben den Straßenständen. Innen funkelte ein Reichtum, der beinahe surreal wirkte, aussen pulsierte die Armut.
Unser Fahrer erklärte uns, dass ein Großteil des Goldes, das in Madagaskar gefunden wird, über diese Händler nach Dubai exportiert werde und Schmuck deshalb entsprechend teuer sei.
Dann erreichten wir schließlich das Lokanga Boutique Hotel. Bereits die Fahrt dorthin war beeindruckend, vorbei am alten Palast der Königin. Das Hotel selbst war dann eine wirklich positive Überraschung. Künstlerisch, charmant, voller kleiner Details, verwinkelter Räume, alter Mauern und liebevoller Dekorationen.
Lisa war sofort begeistert von all den kreativen Feinheiten, dem alten Gebäude und dieser besonderen Atmosphäre, die irgendwo zwischen kolonialem Charme und madagassischer Eigenheit schwebte.
Für mich war sofort klar: Dies hier war einst ein altkoloniales Herrenhaus. Heute ist das Lokanga Boutique Hotel ein Heritage Hotel und genau das spürt man in jeder Ecke dieses alten Gebäudes. An den Wänden hängen große Gemälde der damaligen Königin, die später ins Exil geschickt wurde, als die Franzosen die Herrschaft übernahmen.
Hier in Madagaskar gibt sich die ganz frühe Vergangenheit mit der kolonialen Vergangenheit und der modernen Welt gleichzeitig die Hand. Man muss sich eigentlich nur einmal um 360 Grad drehen und sieht alles auf einmal. Alte Mauern, koloniale Balkone, moderne Smartphones, hupender Verkehr, Menschen in traditioneller Kleidung, daneben französisch inspirierte Eleganz. Zuschauend ein verdreckter Straßenköter mit prallen Zitzen, welcher von einem ebenso dreckigem Kind verscheucht wurde.
Lisa war vollkommen begeistert von dieser Mischung aus French Style Colonialism, klassisch europäischer Eleganz, African Colours und tropischen Einflüssen. Alte Holzböden, kunstvolle Möbel, schwere Stoffe, Pflanzen überall, dazu dieser leicht morbide koloniale Charme, der gleichzeitig wunderschön und nachdenklich machend wirkt.
Ich persönlich war dagegen sofort hoch begeistert von meinem oberen Zimmerfenster aus. Noch bevor wir überhaupt richtig angekommen waren, hatte ich bereits meine ersten Lifers (Slang für ein Wunschtier, eher Vogel, zum ersten mal sehen). Einen Madagaskar-Nektarvogel (Malagasy Green Sunbird), wenn auch leider ein etwas unspektakuläres Weibchen, einige Madagaskar-Brillenvögel (Malagasy White-eye) und sogar einen knallroten Madagaskarweber (Red Fody). Nicht nur gesehen, sondern direkt auch fotografiert. Sehr geil.
Albert freut sich, Lisa ist zufrieden, Lennart hat WiFi.
Also alles wunderbar.
10.5.2026 – Run Forest, run!
Heute früh hatte ich etwas Zeit, in den Garten zu schauen, und da hörte ich den Anjouan-Buschsänger (Anjouan Brush Warbler). Endlich gelang es mir, ihn ein halbes Mal zu fotografieren. Verdammt schwierig war das allerdings, denn er rief zwar laut und auffällig seine kratzenden Lieder, verschwand aber immer wieder sofort im dichten Laubwerk. So blieb meist nur ein kurzer Blick oder ein hektischer Versuch, die Kamera überhaupt rechtzeitig hochzubekommen.
Das Frühstück war eher spartanisch, aber mein Rührei mit dem selbst gebackenen Brot war wirklich gut. Die anderen beiden begnügten sich mit Joghurt, und lange dauerte es nicht, bis wir wieder unterwegs waren. Der Kaffee hingegen schmeckte derart ungewöhnlich, dass ich ihn vermutlich nicht einmal als Kaffee identifiziert hätte, wenn man ihn mir blind serviert hätte. Zum Glück gab mir der freundliche Kellner dann ein paar Kapseln für die lokale Nespresso-Maschine, und damit ließ sich endlich ein halbwegs, ich weiß, ich bin sehr verwöhnt, guter Kaffee zaubern.
Ich weiß wirklich nicht, wie Google Maps die Durchschnittsgeschwindigkeit in Madagaskar berechnet. Wenn es etwas gibt, das hier absolut unberechenbar ist, dann genau das. Aus Uganda und Angola bin ich ja einiges gewohnt, und ähnlich verhält es sich auch hier. Man schlängelt sich permanent zwischen Schlaglöchern hindurch, Lastwagen kommen einem frontal entgegen, Motorräder schießen vorbei, und dazwischen fahren irgendwelche unidentifizierbaren Gefährte mit uralten Dieselmotoren auf Reifen, bei denen ich mich ernsthaft frage, wie sie überhaupt noch funktionieren. Mechanisch müssen die Betreiber wirklich einiges draufhaben.
In Moramanga sahen wir dann plötzlich überall Fahrradrikschas, und zwar erstaunlich viele. Die Straßen waren derart voll davon, dass wir Mühe hatten, überhaupt halbwegs zügig voranzukommen. Das wichtigste Verkehrsmittel, nein, eigentlich der wichtigste Verkehrsgegenstand in Madagaskar scheint allerdings die Hupe zu sein. Ohne Hupe würde hier vermutlich niemand überleben. Andere Formen von Verkehrsregeln oder Kontrollsystemen scheinen eher nebensächlich zu sein. Ich sehe an den Fahrzeugen kaum mehr als Nummernschilder. Als ich Nirina nach gültiger Lizenzierung und TÜV ausquetschte, murmelte er nur etwas von Corruption.
Hier in der Gegend gibt es wohl einige Nickel- und Kobaltminen, und weit oben in den Hügeln erkennt man unverkennbar große chinesische Paläste und Anlagen. Die Chinesen scheinen sich hier bereits massiv eingekauft zu haben. Wenn man das alles so sieht, bekommt man das Gefühl, dass sie langfristig wohl vorhaben, sich großen Einfluss auf dieses Land zu sichern.
So fuhren wir immer weiter ostwärts Richtung Mantadia. Unterwegs hielten wir im Peyrieras Reserve, einem kleinen Reservat, in dem Chamäleons in großen Gehegen etwas konzentrierter gehalten werden. Immerhin werden dort geschlüpfte Jungtiere später wieder freigelassen. Für Besucher ist es jedenfalls eine einmalige Gelegenheit, die unterschiedlichsten Chamäleons aus nächster Nähe zu sehen. Manche waren kaum größer als ein Fingernagel, andere wiederum so riesig, dass sie fast den gesamten Rucksack meines Sohnes bedeckten. Atemberaubend war vor allem die unglaubliche Farbenvielfalt. Selbst ein und dieselbe Art konnte völlig unterschiedlich gefärbt sein.
Über uns turnten bereits die ersten Lemuren durch die Bäume. Besonders die Coquerel-Sifakas (Coquerel’s Sifaka) mit ihren rötlichen Rücken und den sanften gelben Augen wirkten fast unwirklich schön.
Ebenso faszinierend war die Pflanzenwelt dieser Gegend. Von Golden Angel’s Trumpet über Silver-leafed Princess Flower und Chinese Ixora bis hin zu Bushy Rattlepod und einer Ingwerart namens Crepe Ginger wurden wir regelrecht mit Farben überschüttet.
Die Chamäleons trugen Namen wie Teppichchamäleon (Carpet Chameleon), Globe Horned Chameleon, Kurzhornchamäleon (Short-horned Chameleon) oder Parsons Chamäleon (Parson’s Chameleon), letzteres in allen Größen und Farbvarianten. Auch Pantherchamäleons (Panther Chameleon) fehlten natürlich nicht.
Dazu kamen Frösche wie die Goldene Mantella (Golden Mantella) oder die Berend’s Mantella (Berend’s Mantella), derart leuchtend und farbenprächtig, dass man sie kaum anzufassen wagt.
Und hat eigentlich schon einmal jemand von einem Tomatenfrosch (Tomato Frog) gehört? Genau so, wie der Name klingt, sieht er auch aus. Rund, riesig, knallrot und beeindruckend.
Für mich persönlich am eindrucksvollsten waren jedoch diese unglaublich flachen Geckos, die sich an Baumrinde oder Mauern pressen und dabei vollkommen mit ihrer Umgebung verschmelzen. Ihre Schwänze sehen exakt wie trockene Blätter aus, liegen flach an und werfen praktisch keinen Schatten. Man schaut direkt auf den Stamm und erkennt trotzdem nichts. Unfassbar.
Hier durften wir Gestreifte Blattschwanzgeckos (Lined Leaf-tailed Gecko), Riesenblattschwanzgeckos (Giant Leaf-tailed Gecko) und Moosblattschwanzgeckos (Mossy Leaf-tailed Gecko) vermerken.
Traurig an der ganzen Fahrt war allerdings der ständige Blick auf das, was Madagaskar vermutlich einmal gewesen sein muss. Statt ursprünglicher Wälder sieht man heute riesige Flächen mit Maniok, Reisfeldern, Eukalyptusplantagen, Brachland und überall Erosionsspuren. Eine Natur, die unwiderruflich zerstört wurde.
Natürlich wussten wir schon vor der Reise, dass uns genau das erwarten würde. Aber es tatsächlich mit eigenen Augen zu sehen, nimmt einen doch deutlich mehr mit, als man denkt.
Die Strecke zur Mantadia Lodge verlief dann ausgesprochen madagaskariensisch. Und madagaskariensisch, habe ich inzwischen gelernt, bedeutet, auf Google Maps zu sehen, dass man eigentlich nur noch ein paar Kilometer vor sich hat, man aber trotzdem das Gefühl bekommt, noch Stunden unterwegs zu sein.
Aber wir hatten einen guten Fahrer. Der Kerl wusste genau, was er machte, und so kamen wir schließlich an der wunderschön gelegenen Mantadia Lodge an und waren sichtlich überrascht von dem schönen Zimmer und dem sogenannten Infinity Pool, also einem Pool, der optisch direkt in die weite Landschaft überzugehen scheint. Das gibt es in Namibia jetzt auch sehr viel, diese Pools, die Laune machen sollen.
Viel geiler als der Pool, an dem sich junge Leute mal wieder für ihre jämmerlichen Insta-Accounts in Pose warfen, frag mich, ob man da an den Körpern noch was basteln kann, denn es wurde offensichtlich zu viel gefeiert und zu wenig gearbeitet, war allerdings das Madagaskar-Schwarzkehlchen (Madagascar Stonechat), welches hier offenbar sein Revier hatte.
Trotz des Hustens, den wir uns irgendwo eingefangen hatten, wurde es dann noch ein wirklich schöner Abend. Die Ente war fantastisch zubereitet. Ich entschied mich für ein Kokoshühnchen und Lennart hatte eine herrliche Tagliatelle Bolognese. Yeah män.
11.05.2026 – Regenwald eben…
Heute sollte es dann früh los gehen, wir waren etwas verspätet, sorry Nirina!. Wir fuhren in den Mantadia National Park, natürlich wieder extrem madagaskariensisch: ewig unterwegs, hoppelboppel, hoppelboppel, rauf, runter, rauf, runter.
Unterwegs sammelten wir noch unseren Guide Luc ein, bevor wir schließlich am Nationalpark ankamen.
Lennart missbilligte zwar die lange Wanderung und dazu regnete es auch noch ohne Unterlass … so ein richtiger Pissregen wie in Germany.
Bewaffnet mit meinem Regencape, Lisa und Lennart mit Regenschirmen, stapften wir also wie richtige Loser-Touristen durch den Wald. Unser Guide marschierte vorneweg, ganz entspannt nur mit T-Shirt, Hose und Schlappen, während wir aussahen, als würden wir gleich eine Polarexpedition antreten. Das war wirklich ein herrlich lächerlicher Anblick.
Hier und dort zeigte sich zwar ein interessanter Vogel, begleitet vom eher gelangweilten Blick meines Sohnes, doch insgesamt schien es zunächst, als würden wir überhaupt nichts finden.
Und dann plötzlich erklang ein Geschrei im Wald, so laut, dass mir die Ohren dröhnten. Und jeder weiß, wie schlecht meine Ohren ohnehin schon sind. Mein Vater ließ mich als Kind ja bereits ohne Gehörschutz schießen, also bin ich wirklich einiges gewohnt. Aber dieser Ruf, der war mal laut!
Der Indri hatte gerufen!
Wir beobachteten eine Gruppe von drei Indris, großen Lemuren, wohl den drittgrößten, die es überhaupt gibt, wie sie zwischen den Bäumen herumturnten und sich scheinbar einen Spaß daraus machten, direkt über uns durch die Äste zu springen und die Bäume ordentlich durchzuschütteln, damit das gesamte Regenwasser auf uns herunterprasselte.
Und plötzlich funkelten die Augen meines Sohnes. Das Interesse war geweckt. Er war wieder voll dabei und wirklich begeistert, was mich unglaublich freute. So sehr freute es ihn sogar, dass er danach meine Vogelbeobachtungen widerstandslos tolerierte.
Vögel wie die Tylasvanga (Tylas Vanga), Chabertvanga (Chabert Vanga), Rotschwanzvanga (Red-tailed Vanga) und Blaubrustvanga (Blue Vanga) oder der Madagaskar-Paradiesschnäpper (Madagascar Paradise Flycatcher) begeisterten mich dort besonders.
Der Madagaskar-Paradiesschnäpper wirkt hier noch einmal ein gutes Stück schöner als die Formen, die wir von zuhause kennen. Während bei uns beide Geschlechter eher rostbraun oder rötlich erscheinen, trägt hier das Männchen ein wunderschönes schwarz-weißes Kleid mit langem Schwanz und auffallend blauen Augenringen, während das Weibchen in gewohntem warmem Rostrot gefärbt ist.
Und hier gelangen mir sogar einige richtig gute Fotos. Happy days!
Bei uns zuhause stolziert ja ständig die Kapstelze durch den Garten. Hier übernimmt diese Rolle die Madagaskarstelze (Madagascar Wagtail). Oh Mann, oh Mann, genauso laut, genauso großmäulig wie unsere zuhause, nur mit wunderschön leuchtend gelbem Bauch. Ein herrliches Fotomotiv.
Das Schöne an der Vogelbeobachtung hier ist ohnehin, dass man eigentlich niemanden langweilt. Lisa konnte sich derweil an all den Blüten und Blumen erfreuen, während ich mit meiner Linse überall hineinpieckste, wo ich vermutlich besser nicht hineinpiecksen sollte.
Unbedingt erwähnen muss man auch den Schopfdrongo (Crested Drongo). Eine Drongoart, ja, aber hier keineswegs so alltäglich und selbstverständlich wie unsere zuhause, die man gefühlt überall und ständig sieht. Dieser hier trägt sogar noch einen kleinen Scheitel auf dem Kopf. Fragt mich bitte nicht, wozu der gut sein soll, aber über dieses Foto hatte ich mich wirklich gefreut.
Auch die Bülbüls sind hier genauso schön und laut wie bei uns. Besonders der Madagaskarbülbül (Madagascar Bulbul) mit seinem orangenen „Lippenstift“ und dem auffälligen Augenring sieht cool aus.
Es darf auch eine Spinnenart in diesem Reisebericht nicht fehlen. Überall an Brücken und Übergängen sah man große Spinnennetze, darin eine schwarz-weiße Spinne, ungefähr so groß wie eine Babyfaust. Es handelt sich um die Darwin-Rindenspinne (Darwin’s Bark Spider).
Mehr als einmal stiefelte ich auf dieser Reise eigenmächtig durch den Wald und wurde plötzlich regelrecht von einem dieser Netze zurückgeworfen. In solchen Momenten war ich dann doch immer ein kleines bisschen froh, dass mir nicht auch noch eine dieser Spinnen auf den Körper geklettert war, um mir, wie man es sich in seiner übertriebenen Fantasie sofort ausmalt, ihre Fänge in den Hals zu stoßen.
Unser Guide schmierte immer wieder etwas Bananenpaste an die Bäume, obwohl er das vermutlich eigentlich gar nicht hätte tun sollen. Die Lemuren kamen daraufhin natürlich sofort heran und leckten die Paste direkt von der Rinde, wodurch man sie aus allernächster Nähe beobachten konnte.
Zu sehen waren Braune Makis (Common Brown Lemur), Varis (Black-and-White Ruffed Lemur), Östliche Bambuslemuren (Eastern Grey Bamboo Lemur) und Diadem-Sifakas (Diademed Sifaka).
Danach ging die Fahrt weiter zu einem weiteren kleinen Park, eher so ein Zoo-Gedöns, würd ich mal sagen, in dem wir Hunderte Krokodile und Schildkröten sahen. Zwischen all den Enten, die dort überall auf dem Wasser herumschwammen, war für mich aber vor allem der Madagaskareisvogel (Madagascar Kingfisher) das besondere Highlight, das wohl einzig wilde Tier hier.
Als wir diesen Park schließlich wieder verließen, waren wir komplett platt. Müde, fertig, vollkommen erledigt. Im Hotel angekommen, aßen wir noch herrlich zu Abend und verschwanden dann ungewöhnlich früh im Bett.
12.5.2026 – Luc, my man
Heute Morgen ging die kurze Fahrt direkt in das Analamazaotra Special Reserve, wo wir erneut mit Luc unterwegs waren. Luc trug allerdings ausgerechnet ein T-Shirt meiner Konkurrenz, was mich natürlich latent gewurmt hat, weil ich meine eigenen LeafLove-Safari-Shirts nicht dabeihatte. Na ja, wer dumm ist, stirbt zuerst.
Auf jeden Fall marschierten wir los und erlebten vermutlich eine der schönsten Vogelbeobachtungen meines bisherigen Lebens. Meine Frau war komplett begeistert und sagte irgendwann nur:
„Ich hätte niemals gedacht, dass ich so etwas jemals in meinem Leben sehen würde.“
Gemeint war die Halsbandnachtschwalbe (Collared Nightjar). Eine relativ große Nachtschwalbe, die immer paarweise wie ein kleiner Klumpen aus Laub und Waldboden zusammensitzt. Perfekt getarnt. Nach einer durchaus anstrengenden kleinen Waldwanderung, wobei „Waldwanderung“ eigentlich der falsche Begriff ist. Eher eine Waldstockstolperung.
Als unser Guide schließlich auf den Vogel deutete, sagte Lisa nur:
„Da, direkt vor Dir.“
Ich sah erst einmal absolut gar nichts außer Waldboden. Und dann plötzlich pellte sich dieses fantastische Lebewesen förmlich aus dem Boden heraus, als hätte es dort vorher überhaupt nicht existiert.
Sogar Lennart war begeistert, das konnte man an seinen weit geöffneten Augen sehen. Dabei war er anfangs alles andere als motiviert gewesen. Schon zu Beginn kam der Satz:
„Papa, wenn ich Wandern höre, muss ich kotzen.“
Und trotzdem ließ er sich wieder mitreißen, vor allem als wir erneut Diadem-Sifakas (Diademed Sifaka) sahen, die hier lustigerweise oft als „Dancing Sifaka“ bezeichnet werden. Diesmal sogar aus nächster Nähe. Erst schossen sie mit unfassbarer Geschwindigkeit über unsere Köpfe hinweg durch die Bäume, später saßen sie plötzlich völlig entspannt da und fraßen, als wären wir überhaupt nicht vorhanden.
Dazu hallten die Schreie der Indris wieder laut durch den Wald, unterbrochen vom knatternden Geräusch der Sifakas. Wirklich unfassbar. Diese Natur hier lässt sich kaum in Worte fassen.
Weitere großartige Vogelbeobachtungen waren unter anderem die Blaukua (Blue Coua), die unseren Turakos erstaunlich ähnlich sieht und mit ihrem kristallblauen Gefieder einfach wunderschön ist. Eine weitere Beobachtung, die ich alleine niemals entdeckt hätte, war die Madagaskar-Zwergohreule (Madagascar Scops Owl). Die Schönheit dieser kleinen Eule lässt sich eigentlich nicht beschreiben. Check my pictures bitte.
Dazu kamen noch zahlreiche kleine bunte Waldvögel und mehrere Vanga-Arten, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann.
Die Vogelfotografie in den Wäldern Madagaskars ist ebenso frustrierend wie in Uganda oder anderen tropischen Waldgebieten. „Schwierig“ wäre zwar nicht falsch, trifft das Gefühl aber längst nicht so gut. Denn egal, wie gut das Equipment ist, der Wald bringt einen regelmäßig an die Grenzen.
Ich fotografiere mit der Canon EOS R5 Mark II, und eigentlich sollte der Autofokus sofort auf den kleinen Vogel springen. Aber wenn etwa eine Kleibervanga (Nuthatch Vanga) in hektischer Geschwindigkeit irgendwo weit hinten im Schatten einen Stamm hochflitzt, fokussiert die Kamera trotzdem ständig auf irgendetwas anderes. Man sieht den Vogel im Fokusfeld, erkennt ihn sogar halbwegs im Schatten, und dennoch sitzt der Fokus plötzlich auf einem Ast davor oder dahinter. Das kann einen wirklich wahnsinnig machen.
Ich arbeite fast immer mit der offensten Blende und einer möglichst hohen Belichtungszeit für die jeweilige Situation. Danach spiele ich über die ISO mit dem Licht und messe meist an einer Stelle ein, von der ich glaube, dass sie halbwegs korrekt beleuchtet ist. Gerade im Wald hat man permanent dieses Problem aus Gegenlicht und tiefem Schatten. Ein Schritt nach links und plötzlich ist alles überstrahlt, ein Schritt nach rechts und der Vogel verschwindet komplett in der Dunkelheit.
Das Wichtigste überhaupt ist meiner Meinung nach aber etwas anderes: schnell genug abzudrücken. Egal wie, egal wann. Ich ertappe mich ständig dabei, den Vogel erst einmal durch die Kamera zu bestaunen, den Moment genießen zu wollen, und genau in diesem Augenblick ist er schon verschwunden.
Dieses schnelle Erfassen, Zielen und sofortige Auslösen, während man eigentlich noch beobachtet, ist vermutlich eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt in der Waldvogelfotografie. Aber geht dann nicht die Wertschätzung verloren? Ich weiß es nicht.
Aus den geplanten zwei Stunden wurden am Ende fast vier Stunden Wanderung. Und mittendrin verkündete Lennart sogar laut, dass ihm das Ganze inzwischen richtig Spaß mache. Gegen Ende war er dann allerdings doch ordentlich lahm in de Bene.
Zurück am Ausgang wurden wir von unserem Guide freundlich verabschiedet und kehrten anschließend in ein kleines Lokal mit wunderschöner Aussicht über die grüne Waldlandschaft ein, die hier glücklicherweise noch nicht zerstört wurde. Ich bestellte mir eine Grilled Tilapia, Lisa und Lennart nahmen gebratene Nudeln.
Das Erlebnis auf dem Klo muss hier definitiv noch erwähnt werden. Denn etwas, das wirklich genial ist, sind diese kleinen Wasserschläuche neben den Toiletten, mit denen man sich den Hintern abspritzen kann. Dadurch wirken selbst öffentliche Toiletten hier oft, na ja, manchmal, erstaunlich sauber. Vielleicht liegt das aber auch nur daran, dass ich bisher noch nicht genug davon gesehen habe.
Allerdings ging es für mich heute diesbezüglich leicht nach hinten los. Beim Hahn war der Schlauch nämlich offenbar nicht richtig angeschlossen, da das Gewinde überdreht war. Und als ich dann ganz traditionell den Hebel betätigte, spritzte plötzlich überall Wasser herum, nur nicht dorthin, wo es eigentlich hinsollte.
Etwas voreilig zog ich dann die Hose hoch, vergaß dabei allerdings meine Unterhose und fand mich plötzlich in einer äußerst verzwickten Lage wieder und flog im Klo voll hin. Ich musste laut lachen, gut, dass es hier keine Kameras gibt.
Als ich schließlich aus der Toilette trat, nachdem ich versucht hatte, das ganze Wasser halbwegs wegzutrocknen, wurde ich wegen meines Lach-Schreis doch von einigen Leuten recht interessiert angeschaut. Ich glaube, man ahnte, dass dort drinnen irgendetwas nicht ganz nach Plan verlaufen war.
Übrigens verließ ich die Toilette sauber, wenn auch nass. Sehr nass.
Ich sah dann einen Bus voller chinesischer Touristen anhalten und malte mir deren Gedanken beim Gang aufs Klo etwas schadenfroh aus …
Der kleine Gelbbauch-Nektarjala (Yellow-bellied Sunbird-Asity) flitzte winzig von Baum zu Baum. Lisa sollte den Sound abspielen und ich war ready to fire mit meiner Kamera. Hat gut geklappt.
Lisa meinte heute Nachmittag:
„Ich habe frei, und morgen habe ich auch frei, da gehe ich auf den Markt.“
Ich musste lachen, denn dies war ja unser Urlaub und eigentlich hatten wir sowieso frei. Aber mir muss man das sicher ausdrücklich sagen, falls ich wieder auf dumme Wander- und Birdinggedanken komme.
Auf der Lodge gerieten Lisa und ich dann in Versuchung, eine Massage zu buchen, und zwar eine Lymphdrainagenmassage. Ein langes Wort für zwei Leute wie uns. Also Lisa Kabine rechts, Albert Kabine links, und dann ging es los.
Schlecht nur, wenn man einen Hustenreiz hat. Wir hatten vorher Familienbesuch und uns wohl irgendeinen hartnäckigen Keim eingefangen, der uns beide husten ließ. So lag ich dann da, Gesicht nach unten, während die Dame mich massierte und ich krampfhaft versuchte, den Husten zu unterdrücken. Denn jedes Mal, wenn ich hustete, fragte sie besorgt:
„Are you okaaaaay?“
Es war eine dieser Massagen, die ich nur so halbwegs genießen konnte, bei denen ich mich ständig schlecht fühlte, weil mir die Dame leid tat. Die hatte bestimmt auf das Ganze hier keinen Bock. Wenigstens lag mein Kopf nach unten, also hoffte ich, dass ich sie nicht ansteckte.
Abends wollten wir eigentlich gemeinsam auf Nachtpirsch gehen. Doch Lennart bekam etwas Fieber, sogar ziemlich stark, und Lisa beschloss, bei ihm zu bleiben. Später wurde dann auch sie etwas kränklicher. Also zog ich alleine los.
Und gleich am Anfang sahen wir ein Parsons Chamäleon (Parson’s Chameleon), genauso grün wie die Blätter und sogar fast genauso geformt wie das Blattwerk des Baumes, in dem es saß. Es war unglaublich schwer, das Tier überhaupt mit dem Auge zu erfassen.
Danach entdeckten wir einen Boophis, also einen dieser madagassischen Baumfrösche.
Dann aber sahen wir endlich, weshalb wir eigentlich in den Wald gegangen waren: den Goodman-Mausmaki (Goodman’s Mouse Lemur).
Ich wusste zwar, dass dieser Lemur deutlich kleiner ist als seine größeren Verwandten, die wir tagsüber gesehen hatten, aber dass er wirklich kaum größer als eine Maus ist, hätte ich niemals erwartet. Tatsächlich fanden wir gleich drei Tiere an verschiedenen Stellen. Wobei man ehrlicherweise sagen muss: Der Guide fand drei, ich selbst nur zwei.
Ein paar gute Fotos gelangen mir trotzdem. So etwas Niedliches…
Beobachten kann man den Goodman-Mausmaki allerdings kaum. Er sitzt erst regungslos da, bewegt sich langsam und vorsichtig und im nächsten Moment springt er blitzartig von Ast zu Ast und ist schon wieder verschwunden.
Auf dem Rückweg sahen wir dann noch einen Riesenblattschwanzgecko (Giant Leaf-tailed Gecko). Auch das war absolut beeindruckend. Diese Geckos sind so perfekt getarnt, dass sie fast unwirklich wirken. Das Tier war ziemlich groß und lief plötzlich um den Stamm herum, wobei wir bemerkten, dass ihm der Schwanz fehlte. Vermutlich war er irgendwann einmal angegriffen worden und hatte ihn verloren.
Als ich später zurückkam, fragte Lennart mich, ob ich viel Spaß gehabt hätte.
Also, ich kann sagen: Das, was ich gesehen habe, war wirklich nice, und ich möchte diese Erlebnisse auf keinen Fall missen. Aber Spaß?
Mitten in der Nacht durch den Wald zu stolpern und ständig aufpassen zu müssen, manchmal Blattwerk in die Brille katapultiert zu bekommen, der vorne geht durch, der Ast biegt sich, dann passt man mal nicht auf und zack, und dabei nicht hinzufallen, das ist eher weniger spaßig.
Würde ich es trotzdem noch einmal machen?
Ganz eindeutig: ja.
13.05.2026 – Day of Leisure
„Day of Leisure“ hieß es heute. Also ein freier Tag. Wir versuchten morgens tatsächlich, etwas länger zu schlafen. Wobei ich denke, dass der Husten den einen oder anderen doch früher aus dem Bett trieb, als ihm oder eher ihr lieb war.
Gemeinsam gingen wir frühstücken und natürlich entdeckte ich im Garten sofort wieder interessante Vögel. Darunter die Rostbauchvanga (Common Newtonia) und das Madagaskar-Schwarzkehlchen (Madagascar Stonechat). Immer wieder lenkten mich auch die Madagaskar-Brillenvögel (Malagasy White-eye) ab, die ständig irgendwo zwischen den Büschen und Bäumen herumturnten. Lenny hingegen hatte große Freude an den Chamäleons, die im Garten zu finden waren, genauer gesagt an den Kurzhornchamäleons (Short-horned Chameleon), die wir dort in den unterschiedlichsten Größen entdeckten.
Besonders verrückt wurde es, als Lennart eine verdickte Stelle an einem Baumstamm berührte. Plötzlich schossen aus dieser Stelle lange schwarze Dornen hervor. In Wahrheit handelte es sich um eine etwa 15 Zentimeter lange, recht breite Raupe, die sich verteidigte, indem sie bei Berührung schwarze, stachelige Haare ausfuhr und versuchte, den Angreifer damit zu pieksen. Irrsinnig, was es hier alles gibt.
Der kleine Spaziergang hinunter zum Markt war Lisa sehr wichtig. Wir hatten natürlich einiges an Kunsthandwerk erwartet, besonders weil Lisas Freundin Nicole ihr die Märkte ausdrücklich empfohlen hatte. Doch vieles wirkte eher trist. Humpelnde Hunde, stinkende Gassen, fliegenbedeckte Stände voller verschiedenster Fische, fettiges Fleisch und überall Dreck, Dreck, Dreck. Angebettelt wurden wir zwar nur zweimal, dennoch hatte Lisa stellenweise etwas Angst. Vermutlich war diese Angst unbegründet, aber unsere vorherigen Erlebnisse lassen uns der Welt inzwischen wohl etwas kritischer begegnen.
Am Ende fand Lisa dann aber doch einen Stand, an dem sie einige Souvenirs kaufen konnte, vor allem wunderschön aus Palmenblättern geflochtene Körbe und Taschen, die ihr sehr gefielen.
Am Abend gönnten wir uns dann noch einen Wein zum Essen, selbstverständlich stolz als südafrikanischer Import angepriesen. Insgesamt war es ein wirklich angenehmer und entspannter Tag. Und ich denke, wenn man in Madagaskar unterwegs ist, braucht man solche ruhigen Tage auch dringend zwischendurch.
14.05.2026 – Über die Eastern Highlands Richtung Osten
Heute ging es durch die Eastern Highlands Richtung Ostküste. Die Hauptasphaltverbindungsstraße gestaltet sich dabei durchaus abenteuerlich.
Nachdem wir heute Morgen die gefühlt teuersten Lunchpakete eingeladen hatten, die ich jemals finanzieren musste, und ich anschließend noch eine Rechnung begleichen durfte, für die ich vermutlich ein halbes Jahr arbeiten müsste, ging die Fahrt endlich los.
Die Landschaft war wunderschön. Durch Berg und Tal ging es ständig auf und ab über die Asphaltstraße. Gefühlt hatte man permanent irgendeinen Lastwagen vor sich. Überhaupt begegneten uns unzählige Lastwagen, meist schwer beladen und offenbar unterwegs von der Ostküste hinauf ins Hochland oder umgekehrt.
Interessant war, dass viele dieser Lastwagen holländische oder französische Aufschriften trugen. Auf eine deutsche Beschriftung wartete ich allerdings noch immer. Offenbar werden diese Fahrzeuge gebraucht importiert und hier dann nochmals viele Jahre weitergenutzt. Die Malagasy scheinen ein bemerkenswertes Talent dafür zu haben, mechanisch praktisch alles wieder irgendwie auf Vordermann zu bringen und weiterzufahren, egal ob Traktor, Motorrad, Auto oder eben Lastwagen.
Ebenso faszinierend ist der Zustand der Straßen selbst. Auf den steilen Anstiegen, wo die schweren Lastwagenreifen besonders stark greifen müssen, haben sich tiefe Längsrillen in den Asphalt eingefressen. Und neben den zahllosen Schlaglöchern fällt auf, dass die Straßen hier nicht einfach nur reißen wie bei uns, sondern sich regelrecht verformen. Der Asphalt wirkt stellenweise weichgeknetet, als würde die Straße langsam unter der Last des Verkehrs zerfließen.
Am Wegesrand stehen überall die traditionellen Holzhäuser. Hütten kann man das eigentlich kaum nennen, eher kleine, teilweise richtig schicke Minihäuser, die hier gebaut werden. Viele davon allerdings bereits halb zerfallen, windschief oder vom Klima gezeichnet. Dazwischen entdeckt man ab und zu auch einmal ein neueres Haus, das noch stolz und frisch zwischen den älteren Gebäuden steht.
Vor den Häusern laufen langbeinige, seeehr langbeinige Hühner herum, manche sogar mit nahezu kahlem Kopf, sexy sind die. Hier und da grunzt auch einmal ein Schwein durchs Dorfleben. Überhaupt sind überall Menschen. Wirklich überall. Man fragt sich irgendwann automatisch, ob es in diesem Land überhaupt noch Gegenden ohne Menschen gibt. Es ist schon erstaunlich, welche Menschenmengen dieses Land beherbergt und wie selbst abgelegene Straßenränder ständig voller Leben sind.
Wir fuhren durch eine opulente Landschaft der Betsimisaraka. Unser Fahrer erzählte, dass Betsimisaraka so viel bedeutet wie „zusammenleben“, also wir leben alle zusammen. Also so wie überall auf Madagaskar 🙂
Wenn die Eltern eine Tochter haben, wird wohl eine kleine Hütte gebaut. Dann muss die Tochter dort die Nacht verbringen und anschließend kommen die Freier und bringen dem Vater eine Flasche Rum. Wenn der Vater glaubt, der Kerl taugt etwas, nimmt er die Flasche an und haut sich erst einmal einen hinter die Hucke.
Dann darf der Kerl rein und dort wird dann angeblich diskutiert, wie die gemeinsame Zukunft aussehen soll. Am nächsten Morgen kann der Mann dann wohl sagen: „Nee, das ist eine ziemliche Zimtzicke, auf die habe ich keinen Bock.“ Oder eben: „Ja, das Mädel taugt mir, mit der kann es weitergehen.“ Andersherum genauso. Die Frau kann natürlich auch sagen: „Ja, dem habe ich es ordentlich getrieben, der Kerl kann was, das Leben kann losgehen.“
Dann verbrennen die Eltern wohl die Hütte und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute. Und anscheinend leben sie tatsächlich alle noch heute, denn es stehen hier gefühlt zigtausende kleine Häuser und Hütten am Wegesrand.
PS: Der deutsche Lastwagen kam mir inzwischen doch noch entgegen. Oben stand in großen Buchstaben: „Wir arbeiten mit Herz.“ Schon irgendwie geil, so etwas mitten in Madagaskar zu lesen. Leider konnte ich den Namen der Spedition nicht mehr erkennen, da war der Lastwagen schon wieder vorbei.
Am Wegesrand sahen wir weite Flächen und Hänge voller Ravenala madagascariensis. Der Name verrät bereits, dass diese Pflanze, der sogenannte Baum der Reisenden oder auf Englisch „Traveller’s Palm“, heimisch in Madagaskar ist.
Sie steht oft wie ein großer, geöffneter Fächer in der Landschaft und ragt weithin sichtbar aus den grünen Hängen heraus. Ich fühle mich wohl, diese Pflanzen anzuschauen. Sie wirken wie kleine Schmuckstücke in den Bergen. Wobei sie eigentlich gar keine kleinen Schmuckstücke sind, sondern riesige, auffallende grüne Fächer, die der Landschaft etwas ganz Eigenes verleihen.
Hoch oben, kurz bevor wir den Farihy Ampitabe erreichten, einen großen See, der eigentlich eine weite Lagune ist und direkt angrenzend zum Meer verläuft, waren wir auf einer offenen Hochebene unterwegs. Die Landschaft war überwiegend mit Gras bewachsen, der sandige Boden jedoch derart holperig, dass jeder Schritt zum kleinen Stolperakt wurde. Dort hielten wir für einen kurzen Landstopp.
Ich war komplett angesäuert, dass dieses Lunchpaket über 70.000 Ariary gekostet hatte. Sowieso. Also stiefelte ich, ohne überhaupt hineinzuschauen, direkt los, um Vögel zu suchen. Irgendwo weit hinten im Gras hörte ich nur ein leises „Zip“. Wenig wusste ich zu diesem Zeitpunkt, dass sich mein Kampf durch dieses Grasfeld, das aus der Entfernung wie ein schönes, harmloses Fußballfeld aussah, tatsächlich aber ein einziges eingeholpertes Stolperfeld war, derart lohnen würde.
Binnen kurzer Zeit schoss plötzlich ein Madagaskarcistensänger (Madagascar Cisticola) hoch und setzte sich auch noch frech direkt vor mir auf ein Blatt. Den habe ich abfotografiert. Der wird berühmt.
Kurz darauf flog eine Lerche auf. Sie setzte sich erst mit dem Rücken zu mir hin, dann seitlich und schließlich frontal. So konnte ich die Madagaskarlerche (Madagascar Lark) wirklich fantastisch ablichten, wonderful män. Damit war ich innerlich eigentlich schon ready for the day. Zwei absolute Wunschvögel an einem einzigen Halt, besser hätte es kaum laufen können.
Irgendwann riefen die anderen nur: „Du sollst Dir mal die Lunchpakete angucken!“ Also stapfte ich zurück. Ein Sandwich und Leftovers vom Frühstück. Na ja. Ich haute mir dann das Sandwich rein und musste zugeben, dass es extrem gut geschmeckt hat. Vermutlich war ich einfach brutal hungrig. Die übrigen Leftovers schaute ich mir gar nicht erst an.
Der Lodge schrieb ich trotzdem eine kleine Bitch-E-Mail, worauf erstaunlich freundlich reagiert wurde. Man entschuldigte sich wirklich nett und ehrlich. Die Antwort war so sympathisch, dass ich dann natürlich auch erwähnte, wie wohl wir uns ansonsten dort gefühlt hatten. Bis auf den Preis dieses Lunchpakets war die Lodge nämlich wirklich großartig gewesen.
Die Fahrt ging weiter und dann öffnete sich plötzlich das Paradies. Zack, auf einmal lag dieser riesige See vor uns. Palmen, weißer Strand, blaues Wasser, freundliche Menschen. Na ja, nicht alle freundlich, denn das Boot wartete wohl schon seit gut vierzig Minuten auf uns und die anderen Touristen waren vermutlich inzwischen ziemlich genervt.
Wir sollten ein langes Boot besteigen, das eher wie ein riesiges Kanu wirkte. Noch bevor wir überhaupt einsteigen konnten, trat eine sehr freundliche ältere Dame direkt vor uns und stellte zack ihre ganze kleine Auslage auf: Halsketten, Vanillestäbe, Vanilleöl und allerlei andere Dinge. Und ganz ehrlich, wer so freundlich grinst und gleichzeitig so herrlich dreist verkauft, der soll auch belohnt werden. Also kaufte ich ihr etwas ab. Lisa freute sich natürlich besonders über die Vanille.
Dann ging die Fahrt weiter. Durch das ruhige Wasser glitten wir entlang dieses langen Kanals, der irgendwann einmal gegraben wurde, vermutlich noch in der Kolonialzeit, das muss ich allerdings noch genauer herausfinden. Schließlich erreichten wir über den großen See bei Akanin’ny Nofy das berühmte Palmarium Hotel, wo wir schließlich untergebracht wurden.
Das Palmarium Hotel liegt wirklich im Paradies, anders kann man das kaum beschreiben. Das, was bei uns zuhause mit viel Sorge, Hingabe und Glück vielleicht irgendwo in einem Topf überleben würde, wächst hier einfach wild und selbstverständlich. Tropische Pflanzen in allen Formen und Farben, Palmen, Farne, alles ineinander verwachsen. Der Garten ist eine einzige Freude und man läuft ständig mit Staunen herum.
Die Lodge selbst ist wunderschön gemacht, alles sehr natürlich gebaut, ohne diesen sterilen Luxus, den manche Lodges haben. Zeitweise gibt es keinen Strom, aber das gehört hier irgendwie dazu. Das Personal, merkt man sofort, kommt direkt aus der Gegend und ist unglaublich freundlich. Also hier könnte man es definitiv länger aushalten.
Abends sollte es dann noch auf Nachtpirsch gehen. Das Wetter war gerade gut, was man hier durchaus erwähnen muss, denn obwohl jetzt „Winter“ ist, bleibt dies eben Regenwald. Es nieselt oder regnet immer wieder leicht. Keine gewaltigen Schauer, aber genug, um einen ordentlich nass werden zu lassen. Deshalb muss man hier schon etwas schauen, wann man eine Pirsch macht und wann lieber nicht.
Lennart war allerdings ziemlich genervt davon, dass wir nun schon wieder losziehen und ewig laufen sollten. Entsprechend gab es zwischen uns ein bisschen Gezanke. Lisa glättete das Ganze wie üblich mit ihrer ruhigen und lieben Art wieder wunderbar.
Am Abend fuhren wir schließlich mit dem Boot auf eine nahegelegene Insel, wo wir den berühmten Fingertier (Aye-Aye) sehen sollten. Ehrlicherweise hatte ich bis dahin bereits genug Lemuren gesehen und machte diese Tour hauptsächlich aus Neugier. Ich wollte einfach wissen, ob sich dieser Aufwand für dieses seltsame Tier wirklich lohnt.
Das Fingertier (Aye-Aye) ist ein nachtaktiver, hochbedrohter Lemur und vermutlich eine der bedrohtesten Lemurenarten überhaupt. Über Jahrhunderte wurde er stark verfolgt, weil die Menschen hier glaubten, dass Unglück oder sogar der Tod bevorstehen würden, wenn ein Aye-Aye mit seinem langen Finger auf jemanden zeigt. Genau deshalb wurde diese Art vielerorts gnadenlos gejagt. Unser Guide erklärte uns all diese Geschichten, bevor wir schließlich in das streng geschützte Reservat gingen.
Anfangs durften wir noch Taschenlampen benutzen, damit wir überhaupt sehen konnten, wo wir hinliefen. Später wurde alles dunkel und nur noch mit Rotlicht gearbeitet. Bereits ausgelegte Kokosnüsse lagen dort, wohlgemerkt ganze Kokosnüsse, denn die Tiere müssen ihre ständig wachsenden Zähne an den harten Schalen regelrecht abarbeiten.
Was dann folgte, war wirklich wie ein Schauspiel aus einem Horrorfilm.
Als wir ankamen, war zuerst bereits ein Fingertier (Aye-Aye) dort, verschwand jedoch sofort wieder. Danach warteten wir eine ganze Weile. Irgendwann kam wieder eines, inspizierte lediglich kurz die Kokosnüsse und zog gelangweilt davon. „Na toll“, dachte ich schon, „das war’s jetzt wohl.“
Doch plötzlich sagte der Guide hektisch: „Schnell, schnell, schnell, hier rüber!“
Die kleine Gruppe bewegte sich daraufhin rasch zu einer anderen Stelle und dort saß tatsächlich ein Fingertier (Aye-Aye) mitten bei den Kokosnüssen. Mit seinen riesigen Schneidezähnen und diesen langen, fast unheimlichen Fingern zerlegte es die Kokosnuss mit einer Gewalt, die ich so bei einem kleinen Tier niemals erwartet hätte. Zack, rupf, zack, rupf, zack. Splitter flogen, die Schale brach auseinander und schließlich erreichte es den Kokossaft, den es dann gierig genüsslich ausschlürfte.
Dieses Tier sieht wirklich aus wie ausgedacht. Wie ein Wesen aus irgendeinem alten Fiebertraum oder einer Legende. Und man versteht plötzlich sofort, warum die Menschen früher Angst davor hatten. Diese riesigen gelben Augen, das dunkle Fell, die langen Finger wie die Hände einer alten Hexe im Wald. Ab und zu hielt das Fingertier inne und schaute direkt zu uns herüber. Ehrlich gesagt kann man dabei selbst fast anfangen, an irgendwelche alten Geschichten zu glauben.
Das war ein absolutes naturkundliches Highlight. Anders kann ich es nicht beschreiben. Ich habe das extrem genossen und geschätzt und konnte sogar einige wirklich gute Bilder machen. Danach war ich innerlich komplett satt vor Eindrücken.
Zurück in der Lodge wartete dann auch noch ein fantastisches Abendessen. Noch nie zuvor hatte ich gegrillte Bananen gegessen, dazu herrliche Shrimps, frisch und perfekt gewürzt. Wo bekommt man denn bitte so eine Kombination serviert? Genau hier.
Sicherheitshalber gönnte ich mir danach allerdings noch einen ordentlichen Whisky. Man weiß ja schließlich nie, wie mein treuer Magen auf gegrillte Bananen und Shrimps gleichzeitig reagiert.
Das Bett erinnerte mich dann wiederum stark an frühere Zeiten zuhause. Diese groben Decken, unter denen vermutlich schon Generationen geschlafen haben. Eigentlich soll man zwischen Laken und Decke schlafen, aber da wir zu zweit waren, nahm ich mir einfach noch eine zusätzliche Decke aus dem Schrank und legte mich direkt darunter. Ehrlicherweise haute ich mir noch eine halbe Schlaftablette rein, sonst hätte ich vermutlich bei all den Geräuschen des Regenwaldes kaum einschlafen können.
Aber am Ende schliefen wir doch alle irgendwann dann.…
15.05.2026 – Snuff Boxes and Hook Bills
Mein morgendlicher Spaziergang bis zum Restaurant ging an verschiedensten Pflanzen vorbei. Von Painter’s Palette, Heart of Jesus über Foolproof Plant bis hin zu verschiedenen Aloe-Arten und entlang großer Kokosnusspalmen. Wenn ich so unter einer dieser Palmen stehe und mir diese schweren Kokosnüsse anschaue, kann ich gut verstehen, dass angeblich mehr Leute von Kokosnüssen erschlagen als von Haien gefressen werden.
Hier würde sich das Fingertier (Aye-Aye) auch sehr wohlfühlen in diesem Garten.
Lisa fragte mich dann: „Hast Du eigentlich diesen großen schwarz-weißen Vogel gesehen?“ Ich gleich: „Welchen?“ Und sofort hinterher tatsächlich, da saßen zwei Hakenschnabelvangas (Hook-billed Vanga). Erst habe ich gedacht, jetzt muss ich auf große Hakenschnabelvanga-Jagd gehen, aber der Vogel setzte sich dann einfach schön zum Beobachten hin. Lisa konnte ihn wunderbar mit dem Fernglas betrachten und ich habe natürlich fotografiert.
Ach, welche Vogelpracht das ist. Und wie lieb dieser Vogel zu mir war. Hat gleich meinen Morgen versüßt.
Neben der Tatsache, dass hier im Garten scheinbar alles wachsen kann, was nur irgendwie Wurzeln schlagen möchte, blieb mein Blick an einem gigantischen Snuffbox Seabean hängen. Riesige Schoten baumelten an dem Baum, fast schon unwirklich groß. Später las ich nach, dass aus den harten Samen früher Schnupftabakdosen gefertigt wurden, was der Pflanze auch ihren englischen Namen eingebracht hat. Sofort entstand bei mir der Wunsch, irgendwo am Wegesrand solch eine Dose als Andenken zu erwerben. Doch in Madagaskar scheint diese Verwendung kaum bekannt zu sein. Die gewaltigen Schoten dienen hier lediglich dekorativen Zwecken und werden manchmal einfach gesammelt und ausgelegt.
Der Snuffbox Seabean, wissenschaftlich Entada rheedii, produziert einige der größten Samen der Pflanzenwelt. Die bohnenförmigen Samen können über Jahre im Meer treiben, ohne ihre Keimfähigkeit zu verlieren, weshalb sie an tropischen Küsten rund um den Indischen Ozean und darüber hinaus angespült werden. Genau diese außergewöhnlichen Samen wurden früher gelegentlich zu kleinen Schnupftabakdosen verarbeitet.
Nach dem Frühstück ging es dann los auf Pirsch mit unserem lokalen Guide. Der war richtig cool und entspannt, schaute aufmerksam und zeigte uns noch einmal die Indris und auch nochmals den Vari (Black-and-White Ruffed Lemur). Wir sahen außerdem Braune Makis (Common Brown Lemur) und einige Mischlinge, später dann auch Mohrenmakis (Black Lemur) und unter anderem Rotbauchmakis (Red-bellied Lemur).
Viel schöner war auf der Wanderung aber fast noch, dass wir Nepenthes madagascariensis sehen konnten, eine fleischfressende Pflanze, die hier im feuchten Wald wächst. Ebenso den Blueback Reed Frog, ein wunderbarer kristallblauer kleiner Frosch, der perfekt versteckt auf einem Blatt saß. Lisa meinte sofort, wenn sie Juwelierin gewesen wäre, hätte sie genau so etwas als Schmuckstück oder Medaille produziert. Und tatsächlich sah der Frosch aus wie ein kleiner Edelstein aus Glas.
Wir sahen auch Cuvier’s Madagascar Swift, eine eindrückliche Gürtelschildechse (Girdled Lizard), die mit ihrem gezackten Schwanz und ihrer Größe unglaublich imposant an einem Stamm saß. Ich fragte mich allerdings die ganze Zeit, warum die Swift heißen. Swift bedeutet doch eigentlich Segler auf Englisch … weird.
Am Boden wuchsen Täublinge (Brittle Gills), wunderbare Pilze, die aus dem Moos hervorkamen. Man sieht hier auch riesige Afrikanische Riesenschnecken (African Giant Snails) oder wunderschöne Schmetterlinge wie die Madagaskar-Waldnymphe (Madagascar Forest Nymph).
Danach gingen wir mit Lennart in diesem Flachsee schwimmen. Ein riesengroßer See mit kristallklarem Wasser. Ich hatte zwar zuerst etwas Angst vor Bilharziose, aber nachdem dort die anderen Touristen, dick und dünn, lang und kurz, ebenfalls alle fröhlich baden gingen, wurde ich mutig und bin mit Lennart schwimmen gegangen. Bikinifiguren gibt es hier übrigens kaum, außer Lisa … natürlich.
Lennart versuchte dann mit einem selbst gebauten Speer Fische zu fangen. Die meisten großen Fische sind hier allerdings wohl längst herausgefischt worden und man sieht nur noch hier und da kleinere herumflitzen, die beim genauen Hinschauen aber erstaunlich schön gefärbt waren.
Danach gab es Lunch. Immer schön alles mit Mehl und Curry. Man sieht den Leuten hier teilweise auch an, dass hier gerne und viel gegessen wird und dass das Essen durchaus ansetzt. Aber lecker war es auf jeden Fall.
Abends gingen wir dann doch noch mit unserem Guide Romeo, glaube ich hieß er, auf eine sogenannte Nachtpirsch. Lennart hatte darauf super keinen Bock und ich eigentlich auch nicht. Aber es ist ja oft so, man hat keinen Bock und am Ende war es trotzdem die Aufruckler wert.
Also ging es los und ich muss sagen, ich war begeistert. Wir sahen Brookesia nofy, wohl eines der kleinsten Chamäleons der Welt. Leute, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie klein dieses Chamäleon ist. Fingernagelgroß. Aber die Größe allein ist gar nicht das Interessante. Die Form dieses Chamäleons ist einfach verrückt. Obwohl es so winzig ist, ist es kantig, zackig und irgendwie richtig urtümlich. Und entdeckt wurde es wohl auch erst vor zwei Jahren eher durch Zufall.
Interessant waren auch die Frösche mit ihren großen Blasenkehlen und viele weitere Chamäleons, die wir dort noch sahen, unter anderem Pantherchamäleons (Panther Chameleon).
Außerdem sahen wir Wollmakis und Mausmakis als nachtaktive Lemurenarten. Die schauten sehr eindrücklich von oben aus den Bäumen auf uns hinunter mit ihren leuchtenden Augen.
Richtig interessant fand ich auch eine Motte, die einen blauen Kopf hatte und so ein derart struppiges Fell, dass wirklich keine AI-Datenbank und auch iNaturalist überhaupt irgendetwas damit anfangen konnte. Ich glaube ja fast, diese Motte ist noch gar nicht entdeckt worden. Oder zumindest rede ich mir das gerne ein.
16.5.2026 – Time to relax or not
Der Tag fing spät an. Ich hustete und hustete. Meine arme Frau, mein armes Kind und armer, armer Albert. Irgendwann schlief ich dann doch ein, immer wieder zwischendrin etwas hustend, und heute Morgen schliefen wir lange. Für einen Vogelbeobachter eigentlich fast schon etwas zum Schämen.
Ganz gemütlich gingen wir zum Frühstück. Danach sollte ich mich laut Lisa eigentlich noch etwas ausruhen, aber stattdessen bin ich losgedackelt, hinauf zum Aussichtspunkt. Am Ende wurden daraus wohl sechs oder sieben Kilometer Wanderung, keine Ahnung genau.
Ornithologisch war es eher enttäuschend, aber immerhin sah ich einen Madagaskarkuckuck (Madagascar Cuckoo) und einige Madagaskarspinte (Olive Bee-eater), was belebend wirkte. Dazu kamen noch einige Hirtenmaina (Common Myna), scheiß exotische Eindringlinge, wieder ein Schopfdrongo (Crested Drongo) sowie eine Madagaskar-Turteltaube (Madagascar Turtle Dove). That was it.
Ich kraxelte durch Stock und Stein, bis ich irgendwann wieder unten am Strand ankam. Die Aussicht dort oben war allerdings absolut atemberaubend. Hier trifft der Indische Ozean auf Festland, auf Waldlandschaften, weiße Strände, Lagunen und kleine Seen im Hinterland. Es ist schon ein unglaublich schöner Flecken Erde.
Zurück in der Lodge gab es Mittagessen und danach etwas entspanntes Chillen am Strand. Lenny schwamm im flachen Wasser der Lagune und wollte später dann aber doch nicht mehr mit uns auf die Wanderung.
Eigentlich wollte ich den beiden unbedingt die schöne Aussicht dort oben zeigen, aber wir hatten unseren Deal nicht eingehalten und nicht mit ihm Touch im Wasser gespielt. Also blieb er lieber unten, schrieb ganz brav einen Aufsatz, so wie Lisa es ihm aufgetragen hatte, und Lisa und ich machten uns alleine auf den Weg.
Zum Glück konnte ich ihr noch die wunderschöne Orchidee zeigen, die ich morgens auf meiner Wanderung entdeckt hatte. Wahrscheinlich die einzige blühende Orchidee zu dieser Jahreszeit in Madagaskar. Obwohl uns eigentlich jeder erzählt hatte, dass momentan gar nichts blüht, fanden wir doch eine wirklich wunderschöne. See my gallery and find out.
Danach gingen wir weiter und sahen tatsächlich noch Grauköpfchen (Madagascar Lovebirds). Dann flog plötzlich eine Madagaskar-Nachtschwalbe direkt vor uns auf und setzte sich völlig unverschämt wie ein Fotomodell auf einen moosbewachsenen Stamm. Ich konnte fantastische Fotos machen.
Das war ein ornithologischer Orgasmus!!
Lisa und ich gingen danach ganz romantisch am Strand entlang zurück, sie etwa zwanzig Meter vor mir, so wie wir das normalerweise machen. Nach so vielen Jahren Ehe muss man nicht mehr permanent reden, da liebt man sich automatisch.
Aber ich wusste natürlich, warum sie so vorausgeeilt war. Sie machte sich Sorgen um ihr Kind, das wir unten zurückgelassen hatten.
Der war aber wohlauf und hatte seinen Aufsatz geschrieben!
17.05.2026 – Fahrtag
Heute war der absolute Fahrtag. Man hatte uns im Programm mit sieben Stunden abgespeist. Glaube ich auch. Ohne Verkehr kann die ganze Strecke sicher sieben Stunden dauern.
Morgens um 7:30 Uhr sind wir aufs Boot geklettert, waren sogar pünktlich. Dann direkt ins Auto, Kofferträger alle zack, zack, zack, alles gut, Tipp gegeben, und los ging es.
Gegen 14:00 Uhr gab es dann Lunch. Toll. Eigentlich wollte ich direkt weiter, aber da wir uns bei den Tankstellenstopps schon Chips und allerlei Ungesundes gekauft und reingestopft hatten, hatte beim Lunchstopp eigentlich keiner mehr wirklich Bock auf irgendwas. Trotzdem haben wir Pizza gefressen.
Und dann ging es weiter und weiter und weiter.
Irgendwann waren es nur noch 25 Kilometer.
Zwei Stunden später waren wir dann durch Menschenmassen, Stau und Smog endlich am Hotel angekommen.
Das waren die längsten 25 Kilometer meines Lebens.
Ich habe noch nie so viele Leute am Wegesrand gesehen. So viele Stände, Mofas, Sonntagabendgewimmel. Warum müssen am Sonntagabend Steine gepackt werden, Hühnchen gebraten werden, Köter auf der Straße herumrennen, Leute Party machen und Mofas überall fahren, als gäbe es kein Morgen?
Na ja, wir kamen dann irgendwann im Hotel an. Dort presste sich dann von einer anderen Agentur so ein kleiner Hirnling als Reiseleiter vor uns rein. Dem musste ich erstmal ein kleines bisschen die Meinung sagen. Hochgezogene Augenbrauen gab es.
Na ja, wir haben noch gut gespeist und sind des Ankommens dankbar schlafen gegangen.
18.5.2026 – Marschmusik, Propellerbomber und Nordmadagaskar
Als der Wecker heute Morgen klingelte, war ich in einem regelrechten Schlund der Müdigkeit gefangen und konnte mich kaum daraus befreien. Ich war so, so müde. Der gestrige Tag ist mir wirklich in Mark und Bein gefahren. Man konnte es auch unserem Fahrer ansehen, als er uns abholte. Auch er wirkte völlig erschöpft. Wir nahmen dann unsere Frühstückspakete mit und überließen sie ihm später. Irgendwie hatte er sie nötiger als wir.
Am Flugplatz wollten wir dann, wie das auf Flugplätzen eben so üblich ist, direkt hineingehen und uns schon einmal an den Check-in-Schalter stellen. Aber nein. Wir wurden regelrecht wieder rausgescheucht und sollten draußen vor der Tür warten. Dann wurde unser Wagen direkt vor die Außentür gestellt und Nirina meinte, dann seid Ihr wenigstens die Ersten, wenn Ihr reingerufen werdet.
Das erinnerte mich stark an meine Zeit im Internat. So ein kleines bisschen Bevormundung, so ein kleines bisschen dieses Gefühl, man müsste doch eigentlich wissen, dass man da noch nicht hineinzugehen hat.
Wir standen also draußen in der Menschenzweiterklasse-Reihe. Komischerweise gingen andere trotzdem hinein. Wahrscheinlich die Privatflüge oder irgendetwas in der Richtung.
Irgendwann winkte uns dann eine Bodenstewardess freundlich in die Halle. Wir gingen zum Check-in und alles verlief erstaunlich glatt. Hat also doch funktioniert, dieses System. Wir mussten kaum warten.
Dann marschierten wir hinaus zum Flieger. Eine Propellermaschine. So ein richtiger kleiner Propellerbomber. Riesiger Wurstkörper mit winzigen Reifen darunter, wo man sich ernsthaft fragt, wie dieses Ding überhaupt landen kann, ohne irgendwo anzukratzen.
Aber drinnen war alles völlig okay. Genug Platz, modern genug, alles sauber. Und trotz Propeller hatte das Flugzeug ordentlich Zug. Da braucht man gar keine Düsen, dachte ich so.
Wir landeten dann pünktlich in Antsiranana. Als der Flieger aufsetzte, fragte ich mich wirklich noch kurz, ob er jetzt irgendwo aufschrammt, aber die Landung war sauber. Nur die Bremsen griffen derart brutal, dass ich echt froh war, angeschnallt gewesen zu sein.
Viel wichtiger war aber eigentlich die Landschaft während des Fluges. Diese unglaublichen Berge, Seen, Lagunen und Meereseinschlüsse. Und dann, als der Flieger zur Landung eindreht, läuft plötzlich Marschmusik. Richtige klassische Marschmusik!
Mitten in Madagaskar sitzt man in einer Propellermaschine und hört Musik, die sonst wahrscheinlich irgendwo auf einem Reitturnier gespielt wird. Das war schon sehr eigenartig. Ich fragte mich kurz, ob das vielleicht zur Beruhigung der Malagasy gedacht ist, die mit im Flieger saßen.
Am Flughafen wurden wir dann von Thomas empfangen. „Mister Thomas“, wurde er mir vorgestellt.
Ich hatte vorher schon Nirina gefragt, was es eigentlich mit diesem ständigen Mister hier auf sich hat. Mister dies, Mister jenes. Er meinte dann, das sei einfach eine Form von Respekt. Da sagte ich, das weiß ich auch, aber wenn man ohnehin schon den Vornamen benutzt, könnte man das Mister doch eigentlich auch gleich weglassen. Aber na ja.
„Pünktlichkeit ist eine Revolution“, brachte Thomas mir bei.
Er war Germanistikstudent an der Universität von Antananarivo und erzählte mir von einem Professor, der seine Vorlesungen immer zehn Minuten vor der eigentlichen Zeit begann. Seitdem wurde „Pünktlichkeit ist eine Revolution“ zu unserem kleinen Freundschaftsspruch.
Genauso neu war für mich die Tatsache, dass man hier nicht mit dem Finger auf Dinge zeigt, sondern nur mit gekrümmtem Finger oder mit offener Hand. Wieder so eine kleine kulturelle Eigenheit, die man erst unterwegs mitbekommt.
Nun hatten wir also einen deutschsprachigen Guide, einen älteren Herrn, ehemaliger Germanistikstudent der Universität von Antananarivo, fließend Deutsch sprechend, dazu unseren Fahrer Said, der eigentlich nur Englisch konnte und selbst das eher gebrochen. Aber irgendwie wirkte er wie ein kerniger Typ.
Und dann ging es erstmal Mittagessen.
Übrigens fragte ich Thomas auf dem Weg zum Mittagessen, das „Mister“ hatte ich inzwischen einfach weggelassen:
„Sag mal, was sind das eigentlich für Lerchen, die da auf dem Flugfeld herumrennen?“
Flugbild ungefähr wie eine Zirplerche, aber etwas gröber gebaut vielleicht, mit rötlichen Flügelschwingen.
Und er nur ganz trocken: “Hova”
Ich habe später nachgeschaut, Hova bedeutet wohl Lerche, ss war die Madagaskarlerche (Madagascar Lark), eine andere gibt es in ganz Madagaskar nicht. Da ahnte ich dann schon, vogeltechnisch muß hier nachgeholfen werden, aber egal, denn meine Frau und mein Sohn haben ja auch ihre Interessen. Und die hat er an diesem Nachmittag bei der Wanderung im Amber Mountain National Park wirklich, glaube ich, sehr befriedigt.
Er war erstens unglaublich geduldig mit meinem Sohn und zweitens zeigte er Lisa verschiedenste Chamäleons. Selbst wenn er manche davon nicht selber entdeckt hatte, wusste er doch immer etwas sehr lehrreiches dazu zu sagen. Und es waren wirklich viele unterschiedliche Arten dabei. Die muss ich später noch ordentlich aufschreiben.
Gleich am Anfang fand er allerdings, und ich weiß nicht, ob das jeder Guide geschafft hätte, das kleinste Chamäleon der Welt. Brookesia minima oder irgendetwas Ähnliches hieß es jedenfalls. Beeindruckende Leistung!
Wenn ich sage, dieses Tier hat auf einem Fingernagel Platz, dann glaubt mir das ruhig. Es ist wirklich so absurd klein.
Thomas erklärte viel über die Botanik, über das rasante Wachstum der Lianen und über die verschiedensten Baumarten dort im Wald.
Ich selber stapfte allerdings wieder etwas frustriert hinterher. Typischer Wald eben. Ich wollte natürlich auch Vögel sehen, hatte aber wie immer mit Gegenlicht, Dunkelheit und der Tatsache zu kämpfen, dass ich die wenigen Vogelstimmen dort noch überhaupt nicht kannte. Dieses Gefühl, im Wald einfach noch nicht „scharf“ genug zu sein, nervt mich immer etwas.
Coole Arten sah ich trotzdem. Unter anderem den Madagaskarwachtel (Malagasy Buttonquail) und auch den Kleinen Vasapapagei (Lesser Vasa Parrot). Fliegend habe ich wahrscheinlich sogar eine Sichelschnabelvanga (Sickle-billed Vanga) gesehen, aber das kann ich nicht hundertprozentig bestätigen.
Aber unabhängig von den Vögeln ist die gesamte Waldatmosphäre dort traumhaft. Diese Wasserfälle mitten im satten Grün, die feuchte Luft, das Licht im Wald, wirklich wunderschön.
Eine kleine Anekdote muss ich aber noch zum Mittagessen erzählen.
Wir waren nämlich in einem kleinen Lokal essen, wo man besser nicht allzu genau in die Küche schaute. Es war zwar irgendwie sauber, aber gleichzeitig so einfach aufgebaut, dass man das Gefühl hatte, richtig sauber kann das eigentlich gar nicht gehalten werden.
Aber dann bekamen wir ein Curry-Hühnchen serviert, wirklich vom Feinsten.
Lisa und ich mussten dabei allerdings lachen. Oder besser gesagt, Lisa belächelte eher meinen Spott über diese unglaublich sexy langbeinigen Hühner, die hier überall herumlaufen.
Man muss sich dafür so eine total drahtige Modeltante vorstellen, die selber noch nicht genau weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, Leggings trägt und oben irgendeine flotte Bluse. Genau so sehen diese Hühner aus.
Und an den Hühnerbeinen konnten wir eindeutig erkennen, dass unser Curry gerade eben noch genau so eines gewesen war.
Später kehrten wir dann im Litchi Tree Boutique Hotel ein. Wunderschön gebaut. Kolonialstil, liebevoll renoviert und wirklich extrem gemütlich.
Leider wird Joffreville wohl nicht richtig mit Strom versorgt. Man erzählte uns zwar, die Stadt habe immerhin einen Bürgermeister, aber offenbar kein funktionierendes öffentliches Stromnetz. Das bedeutet, Strom gibt es hier nur über Solarenergie beziehungsweise Photovoltaik und auch nur kurz am Abend.
Entsprechend lag im Zimmer eine ziemlich lange To-do- und Not-to-do-Liste bereit, wie sparsam man bitte mit allem umgehen möge.
Aber trotzdem fühlen wir uns hier extrem wohl.
Am schönsten war eigentlich noch der Abend nach unserer Rückkehr vom Amber Mountain. In den Fruchtbäumen rund um die Lodge fanden sich plötzlich Madagaskar-Mönchsfinken (Madagascar Mannikin) ein und ich entdeckte dazu auch noch eine typische Webervogelart, den Sakalavaweber (Sakalava Weaver).
Damit habe ich jetzt tatsächlich fast alle Webervögel Madagaskars gesehen.
19.5.2026 – Bluddy hot
Wenn man durch die Straßen von Joffreville fährt und die alten Ruinen sieht, würde man kaum glauben, dass es hier eine Unterkunft wie das Litchi Tree Boutique Hotel geben kann. Eine gepflegte Anlage mit Obstbäumen und äußerst zivilisierten Eigentümern. Der Eigentümer ein Franzose, die Frau offensichtlich Malagasy. Und die Tochter bediente uns mit einer Etikette, einer Professionalität und einer Freundlichkeit, die eigentlich zur Schau gestellt werden könnte.
Das Abendessen war in einer Form, dass ich es geschmacklich nur mit den allerbesten Essen vergleichen kann, die ich jemals in meinem Leben gegessen habe. Die Präsentation war relativ simpel gehalten. Man bekam einen großen Topf mit einem Fleischeintopf, so fein und so perfekt zubereitet.
Dazu ein Nachtisch, den ich so auch noch nie erlebt hatte. Ein kleines Küchlein, geschmacklich schlicht unübertreffbar, zusammen mit einer Schale Kokoswasser, die irgendwie abgewechselt wurde, sodass man immer wieder etwas trank und dann wieder etwas von diesem kleinen Küchlein aß.
Ob das französische Küche war, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es mir so gut geschmeckt hat, dass ich fast darin versunken bin.
Heute Morgen begann das Frühstück mit einem fantastischen Kaffee, dem einzig guten Kaffee dieser Reise! Danach hausgemachte Croissants mit Marmelade. Als ich dort hineinbiss, gingen bei mir alle Geschmackssensoren gleichzeitig auf. Textur, Geschmack, Emotion, einfach perfekt.
Dann kam eine große Pfanne mit einem riesigen Käseomelett, welches zwischen uns dreien aufgeteilt wurde, serviert auf frisch gebackenem Brot.
Was will man mehr?
Wir saßen dort und konnten von weitem auf den Ozean schauen. Die Aussicht war der absolute Hammer. Neben uns gigantisch große Taggeckos, knallgrün mit rotem Kopf. Lisa meinte nur, sie wolle hier nicht wieder weg.
Und ich hatte wie immer eine große Schnauze und sagte: „Wer hat uns hier eigentlich nur eine Nacht eingebucht? Hier kann man eine Woche bleiben und einfach nur genießen.“
Als wir dann schließlich abreisen mussten, waren wir ehrlich gesagt richtig traurig. Es war eines dieser seltenen Gefühle, wenn man einen Ort verlässt und eigentlich sofort wieder umdrehen möchte.
Ich schrieb dann sofort an Desire de Waal von Desire Travel, welche das alles gebucht hatte, und erklärte ihr, wie toll diese Unterkunft sei. Und sie meinte nur trocken:
„Ja, ich weiß. Leider ist es die einzige dieser Art in ganz Madagaskar.“
Aber dass hier Liebe am Werk ist, das ist eindeutig. Dass der Eigentümer kunstaffin ist, ein absoluter Genießer und jemand mit Geschmack für das Feine und Gute im Leben, das ist nicht zu verkennen.
Wir spurten dann durch Antsiranana, gefühlt 1000 bis 5000 Tuk-Tuks später und 300 Renault R4 später. Nach einem kurzen Besuch bei der Apotheke, im Supermarkt und am lokalen Fischmarkt, der übrigens von einem durchaus dramatischen Geruch erfüllt war, ging es weiter Richtung Red Tsingy.
Erlebnisse, Farben, Leben. Ganz toll.
Als wir in der Apotheke in der Schlange standen, ja, ja, hier wird die Apotheke von außen besucht, und zwar mitten am Tag. Nur ein kleines vergittertes Fenster, durch das man seine Wünsche äußerte. Irgendwo tief im Inneren der dunklen Spelunke antwortete jemand und reichte anschließend die Medikamente durch die Gitterstäbe nach draußen.
Während wir dort warteten, schaute ich nach rechts und sah eine Fischverkäuferin an ihrem Stand. In regelmäßigen Abständen besprengelte sie ihre Fische mit Wasser, offenbar um sie möglichst frisch zu halten.
Ich fotografierte ganz allgemein in diese Richtung, bemerkte jedoch schnell, dass die Frau darüber alles andere als erfreut war.
Also sagte ich zu Thomas:
„Hier, nimm 5.000 Ariary, geh bitte zu der Frau, entschuldige Dich in meinem Namen und sag ihr, dass mir das leid tut. Ich werde das nicht noch einmal machen.“
Thomas ging hin, erklärte ihr die Situation, und die Frau lächelte sofort, winkte ab und machte deutlich, dass sie mir nicht böse war.
Trotzdem bestand ich darauf, dass sie die 5.000 Ariary als kleine Entschuldigung erhält. Gleichzeitig ließ ich fragen, ob sie bereit wäre, ihren Fisch noch einmal mit Wasser zu besprengen, damit ich die Szene diesmal mit ihrer Erlaubnis fotografieren könne.
Denn diese Art der Frischhaltung, so ungewöhnlich sie für uns auch wirken mag, gehört zum Alltag hier und ist es wert, dokumentiert zu werden.
Die ganze Geschichte endete schließlich mit viel Gelächter, freundlichen Gesten und herzlichen Grüßen. Als wir wieder zum Auto zurückgingen, hatten wir alle ein Lächeln im Gesicht, hat Spaß jemacht.
Im Auto erwartete mich dann plötzlich Countrymusik. Fahrer Said sagte nur ganz stolz:
„Dein Sohn wollte Musiiiiiik!“
Ich weiß zwar nicht ganz, ob mein Sohn wirklich ein Alan-Jackson-Fan ist, aber die Musik spielte, und wir fuhren weiter. Währenddessen verlor Alan Jackson sein Pferd, sein Haus, seine Liebe, die nächste Liebe auch und hatte Sehnsucht irgendwo auf irgendeiner Highway… whatever!
Es war gar nicht mal so eine lange Fahrt. Aber irgendwie ist es bei uns immer so, dass alles vieeeel länger als geplant dauert. Wenn auf dem Itinerary „Afternoon Leisure“ steht, bedeutet das meistens, dass wir kurz vor Sonnenuntergang irgendwo ankommen.
Vermutlich wegen meiner nervigen Vogelguckerei, die allen, vor allem meiner lieben Frau und meinem Sohn, tierisch auf den Sack geht. Die Fahrer dürfen ja nichts sagen, die werden schließlich dafür bezahlt.
Lisa meint immer, es wäre gar nicht so schlimm, nur eben sehr „time consuming“.
Wir sind dann in der Ankarana Lodge angekommen. Unsere Agentin meinte immer, das sei das Beste, was es dort gibt, und das scheint auch so zu sein.
Deutsch geführt beziehungsweise deutsch-malagassisch geführt. Sagen wir mal so: Es ist schön hier, man kann sich wohlfühlen, aber hier und da müsste sicherlich auch mal etwas gemacht werden.
Unser Zimmer ist riesig und geräumig. Lenny hat sogar sein eigenes Zimmer. Die Klimaanlage bei ihm geht zwar nicht, bei uns funktioniert sie immerhin. Das darf man ja auch mal positiv erwähnen.
Das Abendessen war gut. Ich hatte irgendeine Curry-Hühnchen-Geschichte bestellt, Lisa hatte ein anderes Hühnchen-Gedöns und Lenny hat, glaube ich, wie immer Zebú bestellt.
Unser Mittagessen muss ich noch erwähnen.
Und zwar hatten wir heute „Avocado à la Max“.
Mein enger Freund Max Hesse aus Österreich…. Long story… fährt ja eigentlich alle Jahre mit mir auf Reisen. Na ja, wir waren einmal zusammen in Uganda und haben uns damals fest vorgenommen, jedes Jahr gemeinsam irgendwohin zu fahren. Aber Geld, Frauen, Kinder, Beruf, Ihr wisst ja selbst, nicht so leicht.
Damals in Uganda hat Max am Wegesrand eine Avocado gekauft, sie aufgeschnitten, Pfeffer, Salz und Zitrone draufgehauen und wir haben sie einfach ausgelöffelt.
Und ich schwöre Euch, das war die leckerste Avocado meines Lebens.
Genau das haben wir heute wieder gemacht.
Unser Fahrer, der mit seinen Erklärungen immer herrlich wortwörtlich unterwegs ist und dann solche Sachen sagt wie:
„Das ist Avocado-Stadt.“
Er meinte damit einfach, dass dort am Straßenrand viele Avocados verkauft werden.
Und tatsächlich war das auch so.
Wir hielten an einem Stand und zahlten 1000 Ariary pro Avocado.
Irgendwann sagte ich zu Said, er solle einfach mal am Wegesrand anhalten. Wir stoppten dann irgendwo im Nirgendwo und schlachteten die Avocados auf einem Nationalpark-Schild, das gleichzeitig eine kleine Mauer war.
Übrigens musste ich vorher noch schnell in so einem kleinen Shop neben der Straße Pfeffer, Salz und Löffel kaufen. Das allein war schon wieder ein kleines Adventure.
Nebenbei kaufte ich dort auch noch ein paar Säcke mit coolen Aufdrucken für Lisa.
Sie schrie schon aus dem Auto:
„Albert, die Säcke!, kauf mir die!“
Ich meinte dann spöttisch zu ihr, die könne ich später wunderbar für meine Lecke bei den Rindern verwenden. Aber ich weiß jetzt schon, dass sie die irgendwo wieder kunstvoll dekorativ anbringen wird.
Und dann saßen wir da mitten im Nowhere und löffelten diese Avocados aus.
Und genau wie damals schmeckte das einfach richtig geil. Sogar mein Lenni fand das lecker.
À la Max. Danke, Max. Erinnerungen sind das wertvollste ever!
Wir hatten uns, und das grenzte im Nachhinein betrachtet schon fast an Idiotie, ausgerechnet die heißeste Zeit des Tages ausgesucht, um die Red Tsingy zu besuchen.
Im Reiseverlauf steht, man könne dort ein wenig umherlaufen, die Landschaft genießen und nach etwa 45 Minuten wieder auf das Fahrzeug treffen, das einen anschließend weiterbringt. In der Praxis lief das Ganze etwas anders ab.
Schon auf der Anfahrt bemerkte ich einige Madagaskarfalken (Malagasy Kestrel), was mich durchaus erfreute.
Dann ging es immer weiter bergauf bis auf eine kleine Hochebene. Dort begann unsere Wanderung zu den Red Tsingy.
Die Landschaft ist ohne Frage beeindruckend. Über viele Jahre, vermutlich über Jahrhunderte hinweg, hat sich Wasser durch die rote, eisenhaltige Erde gefressen und dabei eine Vielzahl bizarrer Erosionsformationen geschaffen.
Überall ragen rote Spitzen und Finger aus dem Boden empor und verleihen der Gegend ein fast surreal wirkendes Aussehen.
Die Wanderung selbst hat mich allerdings wegen der Hitze ziemlich geschafft. Es waren deutlich über 38 Grad, dazu eine drückende Schwüle, die jeden Schritt anstrengender machte.
Beeindruckend anzusehen ist die Landschaft allemal. Allerdings muss man mir als Namibier verzeihen, wenn mich solche Formationen nicht völlig aus den Schuhen hauen.
Wer aus einem Land wie Namibia kommt, das von Millionen und teilweise Milliarden Jahre alten, weitgehend naturbelassenen Erosionslandschaften geprägt ist, entwickelt vielleicht einen etwas anderen Maßstab.
Es war schön zu sehen, wir haben einige Fotos gemacht, aber ehrlich gesagt fand ich die Chamäleons und Eidechsen, die wir dort entdeckten, fast interessanter als die Landschaft selbst.
Hinzu kamen die wunderschönen Ilala-Palmen (Hyphaene coriacea), die vereinzelt die rote Landschaft schmückten und dem Ganzen einen ganz eigenen Charakter verliehen.
Auf einer dieser Palmen saß erneut ein Madagaskarfalke (Malagasy Kestrel). Zu meiner Freude ließ er sich hervorragend fotografieren und blieb selbst dann völlig entspannt sitzen, als ich mich näherte.
Vielleicht wusste er genau, dass ihn außerhalb seines schattigen Sitzplatzes nur die gnadenlose Hitze der Mittagsluft erwartete. Jedenfalls machte er keinerlei Anstalten wegzufliegen und schien mit seiner Entscheidung, einfach sitzenzubleiben, ausgesprochen zufrieden zu sein.
Am Ende der Wanderung hatte unser Fahrer Said das Fahrzeug bereits ein Stück weiter nach vorne gebracht und wartete dort auf uns.
Neben dem Parkplatz stand ein kleiner Verkaufsstand, an dem frische Kokosnüsse angeboten wurden.
Hätte dort jemand eisgekühltes, sauberes Wasser verkauft, hätte ich vermutlich sofort zugegriffen. Doch die Vorstellung, bei dieser Hitze eine brühwarme, süße Kokosnuss zu trinken, während die Verkäuferin selbst sichtbar unter den Temperaturen litt, man roch es schon von weitem, sprach mich in diesem Moment nicht besonders an.
Also stiegen wir verdächtig schnell wieder in das angenehm klimatisierte Auto und setzten unsere Reise fort.
20.5.2026 – Tsingy bedeutet „barfuß“
Heute ging es in den Ankarana Nationalpark. Oder besser gesagt: Wir sind hingefahren.
Da heute eine mindestens acht Kilometer lange Wanderung bevorstand, war Lenny eigentlich schon vorher ziemlich sauer auf uns, dass wir ihm so etwas antun.
„Latsch, latsch, latsch, Vogel, Vogel, Vogel, latsch, latsch, latsch“, so ungefähr nach seinem Motto.
Als wir beim Park ankamen, dauerte es wieder afrikanisch lange, bis endlich das Permit organisiert war. Ich stiefelte deshalb schon mal die waldrandgesäumte Straße entlang, einfach um zu schauen, ob ich vielleicht irgendetwas entdecken konnte.
Und tatsächlich flogen plötzlich drei Madagaskar-Wiedehopfe (Madagascar Hoopoe) über mich hinweg. Der Wiedehopf hier sieht dem europäischen oder afrikanischen Wiedehopf zwar sehr ähnlich, ruft aber komplett anders. Dadurch merkt man sofort, dass es eigentlich eine ganz andere Art ist. Auch Verhalten und Flugbild wirken fremd.
Leider konnte ich die Tiere nicht fotografieren. Wie so oft waren sie schneller weg, als ich überhaupt halbwegs bereit war.
Ich muss fairerweise sagen, dass meine Frau vermutlich zehnmal besser sehen kann als ich, so wie mein Sohn auch. Lisa zeigt mir so einiges … auch Vögel 🙂
Mich macht das natürlich wahnsinnig frustriert. Als Brillenträger habe ich ständig das Problem, durch den Rahmen eingeschränkt zu sein, dann wegen der Gleitsichtbrille nicht den richtigen Schnell- und Weitblick zu haben. Dann beschlägt das verflixte Teil dauernd oder ist dreckig. Ich könnte die Brille manchmal einfach an die Wand klatschen.
Ein richtig geiler Vogel, der heute erwähnt werden muss, ist der Haubencoua (Crested Coua). Er sieht ein bisschen aus wie ein Lärmvogel und macht tatsächlich ein Geräusch, das oft als „Lasergun“ beschrieben wird. Tok tok tok tok… usw.
Ich konnte ihn dann oben in den Bäumen etwas ablichten. Die anderen gingen schon weiter, aber ich konnte mich von diesem Vogel einfach nicht trennen.
Auf einmal ließ der Coua sich fallen und landete etwa drei Meter vor mir auf dem Waldboden, wo er einen Gottesanbeter aufsammelte. Ich hoffe eine Gottesanbeterin, da die ja so grausig zu ihren Männern sind … also der Gerechtigkeit wegen, if you know what I mean.
Dann lief er langsam am Stamm entlang wieder nach oben.
Jetzt denkt natürlich jeder: „Ja perfekt, tausend Fotomöglichkeiten.“
Versuch aber mal, egal wie teuer Dein Equipment ist, ein Tier zwischen Ästen zu fotografieren, das unvorhersehbar mal schneller, mal langsamer irgendwo hochläuft, mal sichtbar ist und mal wieder verschwindet.
Naturfotografie ist nämlich gleich Frustfotografie. Echt jetzt.
Ich beneide manchmal die Aktfotografen. Die sitzen da, gucken alternativ blinzelnd, drücken einfach drauf, finden alles geil oder sind künstlich entsetzt und kriegen auch noch Geld dafür.
Naturfotografen wie ich schwitzen, haben beschlagene Brillen, werden von Moskitos zerstochen, sehen halb nichts und kriegen am Ende vielleicht mal ein Lob, wenn überhaupt ein Bild etwas geworden ist. Dann darf man sich Sätze anhören wie: „Wow, Du hast bestimmt eine tolle Kamera… usw.“.
Manchmal ist das wirklich so frustrierend, dass ich mich selber frage, warum ich das überhaupt mache.
Aber gleichzeitig hat man eben auch diese enorme Freude daran. Keine Ahnung warum, jeder hat so seinen eigenen Vogel I guess..
Wir liefen weiter und sollten dann die Tsingys bewundern.
Als wir den Waldrand erreichten und diese zackige Dolomitlandschaft vor uns sahen, musste ich wirklich staunen. Weitläufiges, komplett zerfressenes, spitzes Gestein, wie eine natürliche Folterkammer. Wer da reinfällt, kommt vermutlich nie wieder heraus.
Irgendwann erreichten wir eine Stelle, an der plötzlich auch eine komplett andere Pflanzenwelt begann, hauptsächlich bestehend aus dornigen Sukkulenten.
Dort kamen wir dann zu einer Hängebrücke, die die Wanderung, wie Lenny so schön sagte, „zu einem kleinen Abenteuer“ machte.
Wenn man nämlich über so eine Hängebrücke läuft und unter einem diese ganzen messerscharfen Felsen liegen, dann ist das schon ein spezielles Gefühl.
Auf dem Rückweg lief Lenny vorneweg und wir hatten die acht Kilometer eigentlich erstaunlich schnell absolviert. Der kleine Kerl ist wirklich fit und auf Zack. Als wir zurück waren, schien er jedenfalls keineswegs erschöpft von der langen Wanderung.
Die Wälder, durch die wir wanderten, erinnerten stark an einen deutschen Mischwald, des Geruches wegen, wie Lisa sagte. Überall jedoch Lianen dazwischen, dickstämmige Baobabs und riesige Feigenbäume gigantischen Ausmaßes, zwischen deren Wurzeln man hindurchgehen oder sich fotografieren lassen konnte, so wie wir es natürlich auch gemacht haben.
Leider, oder vielleicht vielmehr zu meinem eigenen fotografischen Leidwesen, muss ich eingestehen, dass das künstlerische Auge dieser Frau schlicht beeindruckend ist. Sie drückt genau dort auf den Auslöser, wo ich achtlos vorbeigelaufen wäre. Szenen, die ich für völlig unspektakulär halte, verwandeln sich durch ihren Blick in Bilder, die Geschichten erzählen, Stimmungen einfangen und den Betrachter regelrecht festhalten.
Wenn ich ihre Aufnahmen später betrachte, erblasse ich manchmal vor Neid. Nicht wegen der Technik, nicht wegen der Kamera, sondern wegen dieser Fähigkeit, Dinge zu sehen, die mir verborgen bleiben.
Das ist wohl der Unterschied zwischen jemandem, der mit einem echten künstlerischen Gespür fotografiert, und jemandem wie mir, der zwar Freude an der Fotografie hat, dessen Stärken aber eher in der Naturbeobachtung als in der Kunst liegen.
Oder sagen wir es freundlicher: Ich habe großen Respekt vor Menschen, die Motive nicht nur sehen, sondern fühlen können. Lisa gehört eindeutig zu diesen Menschen.
Wahrscheinlich ist genau das auch der Grund, weshalb sie mit ihrem Unternehmen Graphic Arts Studio inzwischen Kunden in aller Welt betreut. Ob Logos, Tapeten, Broschüren, Verpackungen oder andere kreative Projekte – ihre Arbeiten finden ihren Weg weit über die Grenzen Namibias hinaus.
Immer wieder hörte ich interessante Vogelgeräusche und verschwand kurz im Wald, um ihnen hinterherzusteigen. Im Großen und Ganzen war es wirklich eine sehr schöne und angenehme Wanderung.
Am Nachmittag sollte es dann noch in eine Höhle gehen. Lisa und Lennart entschieden sich jedoch, lieber am Pool zu bleiben. Ich fuhr dann mit dem Guide noch einmal alleine hinaus, um mir diese Höhle anzusehen.
Ich war dermaßen nass geschwitzt, dass ich mich erstmal komplett vom Rucksack, Fernglas und allem anderen befreien musste. Ich zog mein Hemd aus, wischte mir den ganzen Schweiß vom Körper, wrang das Hemd aus und zog es wieder an, weil die Moskitos mich sofort zerstachen.
Danach kletterte ich langsam aber sicher den Weg hinunter zur Höhle.
Die Nachmittagspirsch habe ich eigentlich nur gemacht, weil der Guide mir versprochen hatte, dass dort die Großen Vasapapageien (Greater Vasa Parrot) sehr gut und häufig zu sehen seien, da sie dort brüten.
Tja.
Ich habe drei oder vier im absoluten Turboflug über mich hinwegschießen sehen. Von Fotografieren konnte überhaupt keine Rede sein.
Die Höhle selbst hingegen war gigantisch. Wirklich gigantisch. Es war fantastisch, dort drinnen zu stehen und aus dieser riesigen Höhlenöffnung hinaus auf den großen Regenwald zu schauen. Ein Anblick, den es vermutlich so kein zweites Mal auf der Welt gibt.
Wir gingen noch etwas tiefer in die Höhle hinein und ich hätte zu gern alles ausgeleuchtet. Überall hingen große Fruchtfledermäuse und man hätte sie wunderbar fotografieren können.
Hätte der werte Reiseleiter mir allerdings vorher gesagt, dass man dafür vielleicht eine Taschenlampe brauchen könnte, dann hätte ich selbstverständlich eine mitgenommen.
Darf ich hier kurz anmerken, dass es kaum etwas Schlimmeres gibt als einen unmotivierten Reiseleiter, der eigentlich gar kein echtes Interesse mehr hat und sein Leben lang nur daran gewöhnt war, Kleingruppen mit normalem Interessengebiet herumzuführen, wo es reicht, ein bisschen den Lehrer zu spielen und dafür großen Dank und Ehrfurcht zu ernten?
Mehr möchte ich dazu jetzt aber lieber nicht sagen.
Ich war jedenfalls nicht besonders zufrieden, kann er aber nichts für.
Ich fuhr dann wieder zurück und traf Lisa und Lenny am Pool. Bestellte mir einen Cocktail, konnte mich aber kaum hinsetzen, da entdeckte ich schon Madagaskar-Grüntauben (Madagascar Green Pigeon) oben in einem großen Baum.
Also Kamera wieder raus und weiter ging es mit Fotografieren.
Und dann haben wir uns tatsächlich mal ein paar Minuten gegönnt, einfach nur zu chillen.
Lisa hatte es mir praktisch befohlen:
„Du musst jetzt mal zur Ruhe kommen!“
21.5.2026 – Turf then Surf
Thomas, unser Führer, bitte nicht vergessen: „Pünktlichkeit ist eine Revolution“, ordnete eine 7-Uhr-Abfahrt an. Der leisteten wir auch brav Folge, und so brachen wir Richtung Ankify auf.
Unterwegs versprach Thomas uns noch die Besichtigung einer Kakaoplantage. Vorher mussten wir allerdings noch einmal den Wagen zum Stehen bringen, denn Lisa hatte am Wegesrand Reiskörbe gesehen, diese großen, flachen Körbe, die man zum Wenden und Trocknen von Reis nutzt.
Einige davon waren wunderschön bunt und natürlich geflochten. Lisa kaufte davon nicht einen, nein, gleich vier. Aber ich muss gestehen, ich kann verstehen, dass diese Körbe vielen besonders gut gefallen würden. Lisa möchte sie als Wanddekoration nutzen.
Das Mädchen, das diese Körbe verkaufte, war derart charmant, da hätte ich persönlich allein schon ihrer Art wegen ein paar abgekauft.
Sie zeigte dann unserem Führer Thomas ihre Hausaufgaben, da er ja wohl auch Dozent ist. Er schaute das Ganze durch, deutete mit strengem Auge auf dies und jenes, und auf Malagasy wurde sie noch einmal auf einen besseren Lebensweg geschickt.
Dann ging die Fahrt weiter zur Kakaoplantage.
Diese war in der Tat eindrücklicher, als wir erwartet hatten, denn es war eine sogenannte Mischplantage. Ich lernte nicht nur Kakao sehr gut kennen, sondern es gab dort auch drei verschiedene Kakaoarten. Eine Frucht wurde sogar aufgeschlagen, und wir durften an den Kakaobohnen lutschen, was super süß und herrlich schmeckte.
Nur draufbeißen darf man nicht. Dann wird es bitter.
Uns wurden auch Vanille und Pfeffer gezeigt, und zwischen den Blättern huschte immer wieder eine Westliche Gürtelechse (Western Girdled Lizard) durch unsere Füße, eine recht große Echse mit einem wunderschönen roten Hals.
Als wir dann gerade so schön dabei waren, Gewürze einzukaufen, kam plötzlich eine chinesische Delegation „sehr wichtiger Menschen“.
Filmend mit verschiedensten Kameras, groß wie Kanonen, eilten sie voraus, umzingelten uns und übernahmen dann sozusagen den ganzen Ort. Wir waren in dieser Menge gefangen, was mich natürlich höchst irritierte, und so konnten wir nur die Hälfte von dem einkaufen, was wir eigentlich wollten.
Aber Lisa bekam ihre Vanille und ihre Kakaobohnen, und dann ging es weiter bis nach Ankify an den Hafen.
Dort nahmen wir Abschied von Thomas und Said.
Der Indische Ozean öffnete sich vor uns, wir luden unsere Koffer auf ein Speedboot, ein großes, schnelles Boot. Es war ganz angenehm, wir wurden freundlich von einer lokalen Führerin empfangen, und im Nu ging die Fahrt mit Tempo durch den Indischen Ozean an den Inseln entlang.
Dann streckte Lisa plötzlich die Hand nach oben und sagte:
„Schau mal da.“
Ein Bindenfregattvogel (Great Frigatebird) segelte über uns hinweg. Ich konnte gerade noch ein Foto machen.
Unsere Führerin sagte nur:
„Das ist ein Madagascar Magpie Robin.“
Ich sagte:
„Nee, nee, nee, meine Liebe, das ist ein Fregattvogel. Die Flügelspannweite ist ungefähr so groß wie dieses Boot hier.“
„Aha, aha“, meinte sie nur.
Na ja.
Dann landeten wir am Hafen von Nosy Be und wurden sofort von Kofferträgern belagert, die natürlich dann auch vergütet werden mussten, nachdem die Koffer verstaut waren.
Die Fahrt ging anschließend noch eine Stunde durch Nosy Be bis an die Unterkunft.
Eigentlich hatte ich da schon so ein kleines bisschen die Schnauze voll von Menschen am Wegesrand, kreuzenden Hühnern, tausenden Tuk-Tuks, Rindern und Gehupe. Und vom ständigen Geruch nach Abgasen und nach dem, was am Wegesrand so vor sich hin faulte. Fisch, Fleisch und manchmal sogar Notdurft.
Aber als wir hier im Ô Belvédère ankamen, war die Überraschung wirklich nicht zu toppen.
Ô Belvédère ist sehr schlicht gehalten, das muss man sagen. Aber es ist so wunderschön hier, mit Blick auf das Meer.
Die Atmosphäre hier hat einen Flair, den kann man eigentlich nur mit einem Wort beschreiben:
Urlaub.
In den Bäumen tummeln sich leider sehr viele Hirtenmainas (Common Myna), diese invasive Vogelart. Das wird wahrscheinlich nur die Ornithologen stören, andere würden das vermutlich einfach schön finden.
Auch Schopfdrongos (Crested Drongo) und Madagaskarbülbüls (Madagascar Bulbul) zankten sich hier um die Feigen in den Bäumen. Leider keine Papageien. Vielleicht schaffe ich es ja noch.
Empfangen wurden wir hier von einer wirklich netten jungen Frau namens Rosie. Als Lisa sie sah, sagte sie sofort:
„So eine Hose will ich auch haben.“
Überhaupt, wie diese Frau sich kleidete und bewegte, dazu ihr Lächeln, das war sehr einnehmend. Man merkte sofort, hier ist jemand komplett in sich zu Hause.
Uns wurde dann auch schnell klar, warum das so ist, denn die Matriarchin dieses Ortes, eine ältere Dame namens Virginia, schwebte förmlich herbei, im Gewand, und man merkte sofort: Hier geht Lebenserfahrung und Wissen.
Später erfuhren wir, dass sie sogar zwölf Sprachen spricht und in der Welt zu Hause war.
Ihre Liebe zu Kindern war sofort spürbar, besonders gegenüber Lenny, und auch er fühlte sich hier direkt wohl.
Lennart und ich gingen dann schwimmen, während Lisa sich erst einmal ausruhte.
Ich ging eigentlich davon aus, dass sie sicher noch ein Stündchen schlafen würde.
Kaum waren wir mit geliehenen Goggles und Schnorcheln am Ozean angekommen, kam ein Madagasse auf uns zu. Er entschuldigte sich erst einmal höflich, und wir sofort:
„Nein, nein, wir wollen nichts kaufen.“
Doch er meinte nur, er wolle uns mit der Piroge dorthin fahren, wo Korallen und bunte Fische zu sehen seien.
Ich sofort JA
Lennart sofort NEIN!
Lennart hatte Angst, dass Mama nicht Bescheid weiß. Ich sagte noch zu ihm: „Renn schnell hoch.“ Er meinte nur: „Viel zu hoch.“ Also fragte ich den Pirogenfahrer, wie lange das dauern würde. „Eine Minute hin, eine Minute zurück, und ihr könnt schnorcheln, so lange ihr wollt.“ Na ja. Ich handelte ihn noch etwas runter, dann stiegen wir auf dieses Holzkanu und fuhren los.
Lenny mit sehr gemischten Gefühlen. Und ehrlich gesagt wurde mir, als ich merkte, wie langsam der Mann paddelte, auch etwas mulmig. Ich dachte mir schon, dass Lisa sich jetzt wahrscheinlich Sorgen macht.
Aber dann kamen wir an der nahegelegenen Insel an. Er stoppte das Boot und sagte nur: „Hier.“
Wir setzten die Goggles auf, tauchten ins Wasser, und plötzlich ging eine völlig neue Welt auf.
War das ein Traum.
Hier hat der liebe Gott wirklich ein Tintenfass voller Farben ins Meer gekippt. Die buntesten Fische, wunderschöne Korallen in Blau, Gelb, Lila und Weiß, alles Mögliche war unter uns zu sehen. Dazu riesengroße Seeigel. Lennart und ich hatten unseren Spaß mit der Taucherei.
Irgendwann sagte Lenny dann plötzlich:
„Das hier ist das, was ich machen möchte. So sollte mein Urlaub sein. So etwas will ich machen. Nicht immer nur wandern.“
Und ehrlich gesagt konnte ich ihn verstehen.
Ich hatte von der ganzen Fahrerei und dem ständigen Hin und Her inzwischen auch etwas die Schnauze voll und brauchte Ruhe.
Also beschlossen wir kurzerhand, die Wanderung am nächsten Tag zu canceln und einfach mal einen Ruhetag einzulegen.
Allerdings hatte Lisa inzwischen große Sorgen um uns. Sie suchte uns am Strand, fand uns nicht, war völlig verzweifelt, und es floss sogar eine Träne, was mir natürlich sehr leid tat. Hätte ich doch bloß auf meinen Sohn gehört. Das wäre eindeutig schlauer gewesen.
Das Abendessen war dann wieder fantastisch. Ein herrliches Meeresfrüchtegemenge, das ich gar nicht richtig beschreiben kann, aber es schmeckte einfach großartig. Dazu hausgemachtes Vanilleeis, wirklich nicht zu toppen.
Glücklich gingen wir schließlich ins Bett und konnten dort noch einem Frosch Guten Tag sagen, dem Dumerils Rotaugenfrosch (Dumeril’s Bright-eyed Frog), der sich in unserem Zimmer absolut breitgemacht hatte.
Erst dachten wir, es wäre nur einer, aber später merkten wir: hier einer, dort einer.
Einer sprang dann mit einer derartigen athletischen Leichtigkeit von der einen Ecke des Zimmers in die andere, dass wir nur noch lachen konnten.
Und Lenny hat inzwischen auch meine Liebe zur iNaturalist App übernommen. Er fotografiert nun selbst fleißig Tiere und Pflanzen und lernt immer mehr, auf Dinge zu achten, an denen viele Menschen einfach vorbeilaufen würden. Er hat jetzt schon 46 Arten eingetragen. Wenn das so weitergeht, dann wird das noch richtig spannend. Und ehrlich gesagt freue ich mich riesig über dieses Interesse meines Sohnes an der Natur.
Ich finde, iNaturalist ist wirklich eine fantastische Möglichkeit, die digitale Sucht vieler Kinder irgendwie sinnvoll mit Natur zu verbinden. Genau darüber habe ich nämlich auch gelernt, dass unser Zimmermitbewohner ein Dumeril’s Bright Eyed Frog war.
Zum Abendessen gab es die Möglichkeit, sich einen Saft auszusuchen. Orangensaft oder Corossol.
Ich natürlich sofort:
„Hä? Corossol? Was ist das denn?“
„Ja, Corossol, Corossol“, hieß es nur.
Also schauten wir nach und stellten fest, dass es sich dabei um Soursop handelt.
Und dieser Saft schmeckt so mild und so herrlich fruchtig, wirklich ganz speziell. Wir fanden den so gut, dass wir uns gleich mal zwei davon reingefahren haben.
Übrigens gab es nach dem Abendessen dann auch noch eine ganze Palette Rum on the house, mit verschiedenen Geschmacksrichtungen, in denen Früchte eingelegt waren.
Lisa entschied sich für Vanille, ich für Ingwer.
Und so konnten wir ein kleines Bisserle zugedröhnt und ziemlich glücklich ins Bett gehen.
22.05.2026 – Frauen falsch eingeschätzt
Wir waren reisemüde, wandermüde, im Allgemeinen einfach nur überreist und brauchten dringend einen freien Tag. Also ließen wir den geplanten Ausflug, der wieder in einen Nationalpark hier in der Gegend führen sollte, streichen und entschieden uns stattdessen einfach nur für einen Beachtag.
Einfach einmal nichts organisieren, nichts fahren, nichts suchen, nichts abhaken. Nur Meer, Strand, etwas Ruhe und ein bisschen durchschnaufen.
Richtig schön warm auf Belvedere. Direkt vor dem Zimmer wird ein kleiner Tisch gedeckt und ab sieben Uhr steht dort schon der Kaffee bereit. Danach wird das Frühstück serviert, ganz entspannt, genau so, wie man es braucht.
Und jedes Mal gibt es eine wunderschöne Fruchtplatte mit den unterschiedlichsten Früchten darauf.
Als erstes stand Schnorcheln auf dem Programm und wir liehen auch für Lisa noch einen Schnorchel aus. Lennart hatte am Vortag seinen verloren, den mussten wir dann erst einmal für stolze 30 Euro ersetzen. Hui.
Dann ging es los.
Unser Bootsführer wartete bereits auf seine Gäste. Ich handelte ihn noch ein kleines bisschen herunter, denn 20 Euro für diese kurze Hin- und Herpaddellei ist schon eine ordentliche Ansage.
An der richtigen Stelle angekommen, brachten wir Lisa erst einmal bei, wie man überhaupt halbwegs elegant ins Wasser fällt. Und erstaunlicherweise lernte sie ziemlich schnell, mit Schnorchel und Maske umzugehen. Ist ja doch alles erst einmal etwas gewöhnungsbedürftig.
Ich selbst stellte mich dafür wieder etwas deppert an, was das Beschlagfrei-Halten der Taucherbrille anging.
Trotzdem war es wieder ein sehr schönes Schnorchlerlebnis. Für Lisa am Ende wahrscheinlich sogar schöner als für uns alle. Sie entdeckte riesige Seegurken und sogar einen blauen Kugelfisch.
Tja, das kommt eben davon, wenn man sich mehr aufs Fotografieren konzentriert als auf das Eigentliche.
Danach spazierten wir noch am Strand entlang. Dort war ein kleiner Laden, in dem eine ältere Dame Tischdecken verkaufte und diese auf angenehm unaufdringliche Weise präsentierte. Lisa kaufte gleich drei Stück und ich glaube auch noch zwei aus Blättern geflochtene Tragetaschen dazu.
Aber ehrlich gesagt war das wahrscheinlich ein ziemlich gutes Investment, denn die Sachen waren wirklich schön gemacht.
Mittagessen gab es anschließend in irgendeiner Beachbar. Danach habe ich mich ehrlich gesagt geärgert, dass wir dort überhaupt eingekehrt sind.
Über 50 Euro kostete der Spaß und obwohl der Fisch geschmacklich gut war, war ich insgesamt nicht wirklich zufrieden. Das fühlte sich alles eher nach touristischer Massenabfertigung auf italienische Art an. Mehr so ein typisches Massentourismus-Beachholiday-Gedöns irgendwo auf der Welt.
Irgendwie hatte das mit Madagaskar für mich nicht mehr viel zu tun und ich trauerte um ein Geld, für das ich lange arbeiten musste.
Wir gingen danach noch an einer kleinen Art Galerie vorbei, wo offensichtlich zwei Künstler täglich ziemlich zugedröhnt herumliefen. Aber Lisa zeigte daran deutlich weniger Interesse als an den Tischdecken zuvor.
Ich ging unten die Hauptstraße entlang auf Vogelbeobachtungswanderschaft. Eigentlich wollte ich versuchen, in das Waldgebiet hineinzukommen, das ich zuvor auf Google Earth entdeckt hatte.
Aber hier war alles von irgendwelchen italienisch-mafiösen Grundstrukturen durchzogen.
Ein straßenumherwandernder Beachboy, eigentlich eher ein „Beachbum“, erzählte mir dann, dass die italienischen Mafias hier wohl alles aufgekauft und große Hotels gebaut hätten.
Und als ich fragte, warum hier überall so viel Müll herumliegt, meinte er nur ganz trocken, dass die Hotels ihre Wasserflaschen und den ganzen anderen Müll einfach in den Wald werfen würden.
Da war ich ehrlich gesagt schon ziemlich mutmachtlos angepisst. Mir ist aber bewusst, dass die Malagasy ihren Teil ebenfalls dazu beitragen.
Der Beachboy führte mich hinten durch die ganzen Siedlungen und wollte mir irgendwie einen Zugang zu dem bewaldeten Gebiet verschaffen.
Dabei lief ich durch die Hinterhöfe der Häuser und wurde ehrlich gesagt zutiefst traurig.
Überall lagen große Schnecken und Mucheln herum, hunderte davon, einfach hingeworfen und ihrem Schicksal überlassen. Der Gestank war erbärmlich.
Die Tiere werden offenbar herausgetaucht, dann dort hingelegt und verrecken elendig in der Hitze. Erst wenn alles verrottet ist und Ameisen und andere Tiere den Rest erledigt haben, werden die leeren Schneckenhäuser aufpoliert. Danach liegen sie vorne am Straßenrand und werden an Touristen verkauft.
Muss das denn wirklich sein? Am liebsten würde ich in die Welt hinausschreien:
Bitte kauft so etwas nicht!
Denn jedes einzelne dieser hübsch glänzenden Souvenirs stand einmal für ein lebendes Tier, das völlig sinnlos verreckt ist, nur damit irgendjemand ein dekoratives Schneckenhaus mit nach Hause nehmen kann.
Trotzdem gab es noch einen schönen Moment, denn ich sah tatsächlich einen Dickschnabelreiher (Madagascar Pond Heron), den wollte ich schon immer einmal sehen, und dann gleich zwei davon.
Das war wirklich toll.
Ansonsten schleppte ich mich bei großer Hitze irgendwann wieder zurück.
Das Abendessen auf Belvedere war dafür wieder wunderschön und perfekt.
Die beiden Ladies hatten wir anfangs eher als alternativ und irgendwie lebensphilosophisch unterwegs eingeschätzt.
Später stellte sich dann aber heraus, dass Rosie bereits zwei Kinder hatte und eigentlich schon ein verdammt hartes Leben hinter sich. Ihr erstes Kind bekam sie bereits mit siebzehn.
Da wurde ziemlich schnell klar, dass es sich hier nicht um irgendeine bewusst gewählte Easygoing-Alternative-Lebenseinstellung handelt, sondern vielmehr um sehr pragmatische Frauen, die einfach jeden Tag kämpfen müssen, um irgendwie über die Runden zu kommen.
Dieses entspannte, lockere Auftreten entstand wohl eher aus den Umständen heraus als aus einer grundsätzlichen Weltanschauung.
The real stuff, not the fake bullshit.
Da sich offenbar wirklich jeder Moskito Madagaskars schon auf Lisas Besuch vorbereitet hatte und kollektiv auf komplette Attacke geschaltet hatte, kann man sich vorstellen, wie frustrierend das für sie war.
Vor allem, wenn ihr Mann praktisch gar nicht gestochen wird und sie dafür komplett zerstochen dasteht.
Deswegen sagte sie irgendwann nur noch:
„Ich will jetzt einfach hitzefrei und moskitofrei.
Wahrscheinlich sitzt sie dann in einer Woche hitzefrei und moskitofrei in der nebligen Kälte Swakopmunds und sehnt sich trotzdem wieder nach jedem einzelnen Moskito Madagaskars zurück, oder eher nicht, nicht nach den Moskitos 🙂
23.05.2026 – Auf der Suche nach der Trauminsel
Pünktlich um acht Uhr wurden wir abgeholt. Lisa trennte sich nur schwer von ihren neu gewonnenen alternativen Freundinnen und stieg mit leichter Verspätung ins Auto.
Wir fuhren direkt zum Hafen und wurden von dort per Boot zur Sakatia Lodge gebracht, die auf einer vorgelagerten Insel gegenüber von Nosy Be liegt. Die Lodge befindet sich an einem wunderschönen Strand in einer kleinen Bucht, direkt angrenzend an ein kleines Waldgebiet.
Wirklich eine superschöne, schlichte Anlage.
Unser Zimmer war eine echte Überraschung. Eigentlich hatten wir Glamping Tents erwartet, also eher einfache Zelte. Aber meiner Meinung nach war das komplett falsch beschrieben.
Es handelte sich vielmehr um ein wunderschönes Zelt Chalet.
Dieses Zelt Chalet hatte wirklich alle Gemütlichkeiten, die man braucht. Ein großes Bett, gute Bettwäsche, herrlich weit auslaufende Moskitonetze, die auf einer Seite komplett offen waren, what a joke. Ich weiß bis heute nicht, warum man sie überhaupt angebracht hatte. Dazu ein wunderbares Badezimmer.
Alles sauber, gepflegt und insgesamt eine Anlage, die offensichtlich perfekt auf Taucher und all jene ausgelegt ist, die ihr Glück unter Wasser suchen.
Lisa, Lennart und ich suchten uns also erst einmal die richtige Größe an Flossen heraus. Danach wurden die Taucherbrillen angepasst und man erklärte uns noch einmal, wie die Schnorchel überhaupt funktionieren. Zusätzlich zog man uns Rashwesten an, damit wir uns in der tropischen Sonne nicht komplett verbrennen.
Dann ging es ins Wasser.
Wir paddelten los und sollten ungefähr 200 bis 300 Meter weit hinausschwimmen, um dort die Meeresschildkröten zu finden.
Leider war das Wasser jedoch so trüb, dass man fast überhaupt nichts erkennen konnte. Schuld daran war wohl ein Sturm, der irgendwo vor der südafrikanischen Küste gewütet hatte und dadurch hier draußen das Meer aufgewühlt hatte.
Gerade nach all den Erzählungen über die Schildkröten und die fantastische Unterwasserwelt hatten wir uns natürlich auf kristallklares Wasser gefreut. Stattdessen blickte man oft nur in ein milchiges Grün und hoffte darauf, dass plötzlich doch noch irgendwo eine Schildkröte auftauchen würde.
So wurde der Nachmittag mehr oder weniger zur enttäuschend freien Gestaltung freigegeben.
Ich machte noch einen kurzen Spaziergang über die Insel. Dabei konnte ich mir einen Madagaskarbussard einmal ganz in Ruhe von unten anschauen und beobachtete verschiedene Bulbüls und Drongos in den Bäumen rund um die Lodge.
Gleichzeitig ärgerte ich mich jedoch wieder über den Müll, der vielerorts rund um die Dörfer herumliegt. Dieser Kontrast begleitet einen in Madagaskar ständig. Auf der einen Seite eine unglaubliche Natur mit endemischen Pflanzen und Tieren, auf der anderen Seite Plastik, Abfälle und eine oft fehlende Infrastruktur für deren Entsorgung.
Manchmal fragt man sich wirklich, wie dieses Paradies aussehen würde, wenn es gelänge, dieses Problem in den Griff zu bekommen.
Am späten Nachmittag saßen wir dann einfach am Strand und schauten aufs Meer hinaus.
Es gibt diese seltenen Momente auf Reisen, in denen man gar nichts mehr sehen, fotografieren oder erleben muss. Man sitzt einfach da und genießt, dass man genau an diesem Ort sein darf.
Nicht die Schildkröten, nicht die Schnorcheltour und nicht die Suche nach irgendwelchen Besonderheiten.
Sondern einfach das Ankommen.
Und genau dafür war Sakatia der perfekte Ort.
24.05.2026 – Tagesausflug, Touristik ahoi
Es ist ja so, dass ich als Sohn eines Farmers pragmatisch, logisch denkend, sauber, streng, gradlinig und ehrlich erzogen wurde. Dadurch habe ich einen großen Sinn dafür entwickelt, wenn Dinge funktionieren. Ich glaube, genau deshalb ist mein Reiseunternehmen erfolgreich, weil für mich die Logistik immer im Vordergrund steht.
Mein Vater sagte immer: „Erst das Fundament. Dann schaut man, dass dieses Fundament wirklich stimmt. Danach kann man das Haus bauen. Und ganz am Ende entscheidet man, welches Bild an die Wand kommt.“
Die Sakatia Lodge ist im Wesentlichen genau so eine Lodge, die funktioniert. Man merkt, dass hier mit viel Liebe, Verstand, Sauberkeit und Pragmatismus gebaut wurde. Man fühlt sich gut aufgehoben und sicher untergebracht. Die Leute sind freundlich. Das Zimmer, das wir hier nutzen dürfen, wird demütig als Glamping Tent verkauft. Ich habe heute den Eigentümern gesagt, dass dies ganz sicher kein Glamping Tent ist, denn solche Zelte kenne ich seit über dreißig Jahren. Das hier ist definitiv ein hochwertiges Zelt Chalet.
Pünktlich um 7.30 Uhr wurden wir von der Lodge erst ans Festland und dann hinüber auf die Insel Nosy Be gebracht, um dort an dem Tagesausflug nach Nosy Komba und Nosy Tanikely teilzunehmen.
Wir kamen in einem Ort an, der wohl „Klein Paris“ genannt wird, vermutlich weil sich hier der Tourismus nur so staut. Ich glaube ehrlich gesagt, ich habe noch nie an einem einzigen Tag so oft „Nein“ gesagt.
Wir wurden regelrecht belagert von Händlern, die uns irgendetwas verkaufen wollten. Hüte, Tücher, Bananen, Orangen, Schmuck, wirklich alles, was man sich nur vorstellen kann. Und das nicht aus höflicher Distanz heraus, sondern so, dass kleine Kinder und Frauen einem bis auf zehn Zentimeter heranrückten, einem praktisch ins Gesicht fassten und man nur noch automatisch „Nein, nein, nein“ sagte, einfach nur, um wieder etwas Abstand zu bekommen.
Lennart bekam irgendwann einen völlig leeren Gesichtsausdruck und starrte nur noch auf den Müll am Strand. Überall lagen Boote vor Anker und wir alle sehnten uns eigentlich nur noch danach, dass es endlich aufs Wasser hinausgeht.
Ungepflegte Hunde liefen zwischen Müllbergen umher, teilweise hochtragend, die taten mir so leid. Es roch nach Abfall, abgestandenem Wasser und Diesel. Überall Plastik, Makaken und Menschenmassen. Und was mich persönlich besonders traurig machte: Man hat oft das Gefühl, dass überhaupt kein lokales Bedürfnis nach Sauberkeit oder Nachhaltigkeit vorhanden ist. Gleichzeitig spricht man von „Sacred Forests“, von heiligen Wäldern, während vielerorts derselbe Lebensraum sichtbar zerstört wird.
Vielleicht bin ich inzwischen einfach zu sehr Naturmensch geworden, aber dieser permanente Druck und das Angequatsche machte mich regelrecht aggressiv, derweil es keinen anderen Touristen sonderlich zu stören schien.
Hier begrüßte uns der lokale Reiseleiter, der uns zunächst an eine andere Stelle brachte, weil es von dort schneller mit dem Boot weiterging. Anschließend fuhren wir gemeinsam mit anderen Touristen nach Nosy Komba.
Und es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Affentheater!
Ich kenne einige meiner eigenen Gäste, die heute schlichtweg graue Haare bekommen hätten. Hunderte, wenn nicht Tausende Touristen werden täglich nach Nosy Komba transportiert, meist Italiener, da es viele Charterflüge aus Italien hierher gibt. Strandtourismus in Reinform.
Die Gäste werden gruppenweise abgefertigt und anschließend beginnt die sogenannte naturkundliche Wanderung, um die Schwarzen Lemuren (Black Lemur) zu sehen.
Ich dachte tatsächlich, wir würden wandern, durch den Wald laufen und diese Tiere irgendwann natürlich in den Bäumen entdecken.
Was ich nicht wusste: Die Tiere werden gefüttert und der Weg zu den Lemuren ist gesäumt mit HUNDERTEN kleinen Ständen, wo von Vanille, bis Sonnenbrillen, bis T-Shirts oder eben auch wunderschöne Handarbeiten verkauft werden.
Und die Reiseleiter, die leider erschreckend wenig Respekt vor der Natur zeigen, machen sich regelrecht einen Spaß daraus, dass diese Lemuren auf möglichst jeder Schulter jedes Touristen sitzen müssen, damit Fotos gemacht werden können. Als Belohnung gibt es dann ein Stück Banane.
Einer der Guides schwenkte sogar eine Banane vor einem Schwarzen Lemuren (Black Lemur) auf und ab, sodass das Tier rhythmisch mitwippte, während er laut sang: „I like to move it, move it.“
Ganz ehrlich, ich ärgere mich im Nachhinein darüber, dass ich diesem Kerl Trinkgeld gegeben habe, statt ihm deutlich meine Meinung zu sagen. Aber mir wird ja ohnehin oft gesagt, ich sei zu ernst und zu intolerant. Also habe ich ausnahmsweise einfach mal wieder freundlich die Schnauze gehalten.
Wir schauten uns dann noch Boas an, sowohl Bodenboas als auch Baumboas, die den Touristen, inklusive Lennart und Lisa, ebenfalls um den Hals gehängt wurden. Dazu Schildkröten, Fotostationen und das ganze Programm, bis es schließlich weiterging nach Nosy Tanikely zum Schnorcheln.
Das Schnorcheln begann für mich zunächst eher unerquicklich, weil das Equipment dermaßen schlecht war, dass ich erst einmal sehr deutsch, wir werden ja weltweit als Meckerpötte gesehen, wurde. Mecker, mecker, mecker. Aber das habe ich Gott sei Dank geerbt, also kann ich es auch professionell.
Irgendwann bekam ich dann besseres Equipment und konnte endlich richtig schnorcheln.
Kurz darauf wurde ich bereits wieder aus dem Wasser gepfiffen, weil es Mittagessen gab. Also stapfte ich artig zurück an Land.
Und das Essen war tatsächlich fantastisch.
Krabben, Fisch, Reis, Hühnchen, die Liste schien endlos. Wirklich ein Festmahl. Dass das Bier aus Plastikbechern getrunken werden musste und mehrere Ratten offensichtlich am Rande auf die Räumung der Tische warteten, war mir in diesem Moment vollkommen egal.
Danach ging es sofort wieder zurück ins Wasser.
Wir sahen fünf Meeresschildkröten, drei davon mit blauen aufgeklebten Boxen, inklusive kleiner Antenne, besendert, zwei ohne Sender. Und diese unglaublichen Fische. Ich hatte außerdem das große Glück, einen großen Tintenfisch zu entdecken, welcher ständig die Farben änderte.
Um die Farben und Formen dieser Fische wirklich zu beschreiben, bräuchte die deutsche Sprache vermutlich einen völlig neuen Wortschatz. Oder ich beherrsche ihn einfach nicht. So etwas Fantastisches lässt sich kaum in Worte fassen.
Auf dem Rückweg von Nosy Komba beziehungsweise Nosy Tanikely zurück nach Nosy Sakatia trafen wir noch auf ein Polizeiboot, das uns anhielt, als wären wir die meistgesuchten Schwerverbrecher Madagaskars.
Man stelle sich ein normales Polizeiboot vor, mit allem Schnickschnack, aber eben nicht mehr neu!
Das Ganze wirkte eher wie eine militärische Spezialeinheit. Bewaffnet bis an die Zähne, Sonnenbrillen tragend, furchteinflößend auftretend und mit einer Ernsthaftigkeit, als würde man gerade eine hochgefährliche Bande von Piraten aufbringen.
Daneben unser Touristenboot, wir alle mit Rettungswesten an. Alle schauten etwas bedröppelt in die Gegend. Jeder fragte sich, was nun eigentlich passieren würde.
Und hinter den Touristen stand unser Bootsführer. Ängstlich dreinschauend, völlig harmlos und ungefähr so bedrohlich wie ein Schulbusfahrer auf Klassenfahrt.
Dann stiefelten die Kerle an Bord, verlangten die Papiere und positionierten sich demonstrativ auf dem Boot.
Der eine mit seinem benietetem Gürtel in der Hand, als wäre er jederzeit bereit, damit um sich zu schlagen. Der Nächste mit knöchelverstärkten Handschuhen, bereit, irgendjemandem eins auf die Fresse zu hauen, falls er es wagen sollte, etwas Falsches zu sagen. Der Dritte mit AK-47 bewaffnet und die gesamte Szenerie mit Adleraugen beobachtend.
Man bekam wirklich den Eindruck, als würde hier gerade eine hochgefährliche Operation durchgeführt.
An einem Boot voller Touristen!
Danach mussten wir in Begleitung dieser Ordnungshüter an einen Strand fahren, wo wir aussteigen durften.
Als ich unseren Fahrer fragte, was denn jetzt eigentlich mit dem armen Bootsführer passieren würde, erklärte er ausgiebig etwas von „Corruption“.
Das heißt, da werden wohl wieder irgendwo Bestechungsgelder eingefordert und auf diese Weise können offenbar auch Menschen in Uniform von ihren Posten profitieren.
Ich fragte ihn daraufhin, warum die Polizisten nicht stattdessen einfach mal ein bisschen von dem Müll wegräumen würden.
Während ich das sagte, zeigte ich auf eine Makau-Ente, die gerade zwischen Müllbergen herumstocherte und versuchte, etwas Essbares zu finden. Die Ente war vermutlich einmal weiß gewesen. Inzwischen war sie von Schmutz braun gezeichnet.
Der Fahrer schaute kurz hin und sagte nur: „No, this is the people.“
Was genau er damit meinte, weiß ich bis heute nicht.
Jedenfalls blieb mir dieser Satz ebenso im Gedächtnis wie die schwer bewaffneten Ordnungshüter, die ein Boot voller Touristen behandelten, als würde davon die nationale Sicherheit Madagaskars abhängen.
Gerade rechtzeitig machten wir uns anschließend wieder auf den Rückweg und erreichten unsere fantastische Sakatia Lodge noch früh genug, um uns selbst mit einem Aperol Spritz zu verwöhnen und den zweitletzten Urlaubstag wunderbar ausklingen zu lassen.
Lennart hatte inzwischen auch einen Freund gefunden. Enzo heißt er.
Als wir hier ankamen, wollte Lennart mit ihm zunächst überhaupt nichts zu tun haben, so wie das bei Kindern eben oft läuft. Und jetzt hat Lennart bereits das morgige Tagesprogramm geändert, weil es schließlich sein letzter gemeinsamer Tag mit Enzo ist.
25.05.2026 – Schnorcheln macht platt
Morgens ohne Wecker aufzuwachen, ist etwas Besonderes. Selbst wenn man früh wach wird, hat es dieses Gefühl von Freiheit.
Ich bin erst einmal runter zum Kaffee trinken. Okay, der Kaffee in Madagaskar ist eine Katastrophe. Er schmeckt so, dass man ihn nur grad so trinken kann. Aber das ist wirklich etwas, worauf ich mich freue, wenn wir wieder zu Hause sind: ein schöner, kerniger Kaffee. Ich weiß nicht, was sie hierzulande mit dem Kaffee machen, aber hier bräuchte es dringend mal einen ordentlichen Röster.
Ich habe auf unserer Farm Nomtsas das Glück im Unglück, dass unser Wasser sehr mineralhaltig ist. Unser ganz normaler Filterkaffee schmeckt derart gut, dass sich manche Freunde bereits Wochen vor ihrem Besuch auf den Kaffee freuen. Kein teurer Kaffeevollautomat, keine geheimen Bohnen, keine besondere Zubereitung. Einfach ganz normaler Filterkaffee.
Die ganze Welt spricht inzwischen vom Kaffee auf Nomtsas und nach diesem sehne ich mich grad 🙂
Lisa, Lennart und ich sind dann schnorcheln gegangen, um nach den Meeresschildkröten zu suchen. Um neun Uhr sollte das Boot rausfahren und hat uns dann in dem Gebiet mit den Schildkröten abgesetzt.
Zuerst haben wir überhaupt nichts gesehen. Wir sind herumgepaddelt wie die Irren und haben eigentlich nur Seegras und Meeresboden angeschaut.
Und dann auf einmal die erste riesengroße Schildkröte.
Dann die zweite.
Dann die dritte.
Dann die vierte.
Lennart hat irgendwann seine Freunde getroffen und uns später erzählt, dass er eine gesehen habe, die größer gewesen sei als er selbst. Kann ich sofort glauben.
Die Meeresschildkröten, die wir gesehen haben, waren einfach aus einer anderen Welt schön.
Wie sich das anfühlt, mit so einer Schildkröte Zeit zu verbringen?
Klein! Man fühlt sich klein!
Man taucht hinunter, schaut ihr beim Fressen zu und dann steigt sie langsam wieder auf. Total ruhig, friedlich und lieb, wie Lisa es nennt. Dieses laute Ausatmen und Einatmen, wenn sie oben Luft holt. Dann gleitet sie wieder nach unten und während wir zwanzig Flossenschläge brauchen, um halbwegs hinterherzukommen, macht sie vielleicht ein oder zwei ruhige Bewegungen mit den Flossen.
Das ist einfach nur gottesschön.
Über Mittag waren wir komplett erledigt. Ich habe ein bisschen Bilder sortiert, Lisa etwas gearbeitet und später haben wir uns entschieden, am Nachmittag noch einmal zu den Korallen zu gehen und dort nach Fischen zu schauen.
Da Lisa Schmerzen in den Füßen hatte, ist sie früher zurückgegangen. Ich blieb noch etwas länger bei den Korallen und konnte dort sogar noch einmal eine Meeresschildkröte beobachten. Eine kleinere diesmal, die offensichtlich Angst vor mir hatte und sich zwischen die Korallen zurückzog.
Diese Schildkröte mitten zwischen all den bunten Fischen zu sehen, das war echt schick.
Abends haben Lisa und ich dann für teuer Geld eine Flasche Wein gekauft und sind hinauf auf den romantischen Hügel gegangen.
Obwohl ich eigentlich gar nicht romantisch kann, muss ich sagen, diese Aussicht hatte es in sich.
Die Sonne ging unter, das Licht war perfekt und Lisa war zufrieden.
Und das ist für mich sowieso immer das Allerschönste.
Wenn meine Frau happy ist, dann bin ich ruhig und glücklich.
Später haben wir noch mit Richard telefoniert, was richtig schön war, sind danach runter zum Abendessen, haben eine neue Bekanntschaft gemacht und mit ein paar Bier deutlich länger gequatscht als eigentlich geplant.
Und genau so, glücklich und zufrieden, sind wir dann schlafen gegangen.
26.05.2026 – Folge den Warnungen der Reisenden
Mitten in der Nacht fing es an.
Ich musste aufs Klo.
Schnell wusste ich, dass ich irgendetwas falsch gemacht hatte.
Das Abendessen war zwar delikat, doch plötzlich dachte ich mit Grauen daran zurück. Als ich die dampfenden Blätter auseinanderflocht und den gekochten Fisch beziehungsweise die Meeresfrüchte darin genüsslich verzehrte, hätte ich es vielleicht wissen müssen.
Dazu kamen zwischendrin und danach ein doppelter und dreifacher Whisky, den ich eben NICHT trank.. man war das ein Fehler!
Leider war ich vom Wein ohnehin schon leicht angeschickert und wir führten angeregte Gespräche mit einem bekannten Anwalt namens Alex Hamilton, der viel über unser Leben wissen wollte und wir viel über seine Strategien erfahren wollten. Dazu tranken wir dann auch noch zwei oder drei Flaschen Bier.
Bier auf Wein, das lass sein.
Seekost dazu, das lass noch mehr sein.
Irgendwann hatte ich Durst und fand kein Wasser mehr im Zimmer. Neben dem Wasserkocher stand allerdings eine Flasche Wasser.
Ich setzte an und trank.
Als ich Lisa später sagte, wir hätten kein Wasser mehr, antwortete sie:
„Ich weiß. Geh nach unten welches holen.“
Als ich zurückkam und erklärte, ich hätte zum Glück noch Wasser neben dem Wasserkocher gefunden, sagte sie nur:
„Bist Du verrückt? Das war Wasser aus der Leitung.“
Da wusste ich, jetzt ist es um mich geschehen.
Und so war es dann auch.
Um eine lange Geschichte kurz zu fassen:
Anderthalb Schachteln Loperamid beziehungsweise Imodium und eine komplette Flasche Pectrolyte später konnte ich langsam wieder die nächsten zwei Stunden meines Lebens planen. Dazu kamen Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und kleine Fieberschübe.
Als wir schließlich zum Flughafen kamen und ich in der Schlange stehen musste, fühlte ich mich wie in der Hölle.
Die Hölle ist dieses Gefühl, krank in einer Warteschlange in Madagaskar zu stehen.
Während ich dort stand, philosophierte ich darüber, was mich eigentlich mehr irritierte. Die reichen Arschgeigen und Yachtbesitzer aus Südafrika, die lautstark über ihre Urlaube prahlten. Die Einheimischen, die versuchten, Ware an uns zu verkaufen. Die ganz normalen Touristen, die mir eigentlich überhaupt nichts getan hatten. Das langsame Vorankommen beim Check-in, obwohl es wahrscheinlich gar nicht langsam war. Der Geruch in der Luft. Das Wetter.
Ich weiß es nicht mehr.
Ich weiß nur, irgendwann war ich in der Abflughalle und konnte endlich wieder aufs Klo.
Der Flug von Nosy Be nach Johannesburg dauerte eigentlich gar nicht so lange.
Gefühlt jedoch Tage!
Ich wusste nicht mehr, ob ich vorneüber, hintenüber, seitwärts oder überhaupt sitzen sollte und konzentrierte mich nur noch darauf, irgendwie zu überleben.
Übertriebenermaßen natürlich.
Und wir alle wissen:
Männer sind, wenn sie krank sind, grundsätzlich wesentlich kränker als Frauen…witz.
In Johannesburg verlief dann alles erstaunlich glatt.
Ich kam sogar durch den Fiebersensor.
Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe, aber ich schaute mit einer regelrechten „Leck mich am Arsch“-Haltung in die Kamera und wusste: So, jetzt bringen die mich ins Krankenhaus.
Aber das Licht flimmerte grün auf und ich durfte weitergehen.
Im Hotel eingecheckt. Alles verlief glatt.
Am Abend hatte ich sogar wieder etwas Appetit, verschlang ein herrliches Steak – hätte ich nicht tun sollen – mit Pommes frites – hätte ich auch nicht tun sollen.
Denn danach fing die ganze Sch…. wieder von vorne an …
27.05.2026 – Home sweet home
Hier möchte ich noch einmal Desire de Waal von Desire Travel empfehlen. Nicht nur hatte sie die komplette Reise hervorragend geplant, wir wurden immer pünktlich abgeholt, alle Transfers klappten, alle Unterkünfte waren gebucht, alles war sorgfältig vorbereitet.
So war auch die Abflugzeit heute sehr angenehm gewählt. Wir mussten zwar um sechs Uhr aufstehen, hatten danach aber noch genügend Zeit für ein Frühstück, welches ich allerdings ausließ, da ich noch mit einer ordentlichen Portion Selbstmitleid im Bett lag.
Mein Sohn und meine Frau kamen dann freudestrahlend zurück und Lennart prahlte damit, dass er besonders gesund gegessen habe. Ich selbst hielt mich lieber zurück und riss mich am Flughafen erneut zusammen.
Der Check-in, der Flug und alles drumherum verliefen problemlos.
Meine liebe Mutter erwartete uns bereits in der Ankunftshalle.
Damit war die Reise beendet.
Fazit
Ich bin froh, in Madagaskar gewesen zu sein!
Müsste ich ein Buch über Madagaskar schreiben, würde ich es vermutlich nennen:
„Armes Madagaskar, armes, armes Madagaskar.“
Madagaskar leidet.
Und zwar vor allem unter uns Menschen.
Madagaskar ist für mich das sichtbare Ergebnis vieler Ungleichgewichte dieser Welt. Der Arme nimmt sich, was er zum Überleben braucht, und kann sich nicht um das Morgen kümmern. Der Reiche genießt, was übrig ist, und geht rücksichtslos mit Ressourcen um. Dazwischen bleibt oft erschreckend wenig Raum.
Naturkundlich wird man als Mensch, der zumindest ein wenig über die Natur Bescheid weiß, wobei das bei mir ja durchaus überschaubar ist :-), immer wieder positiv überrascht. Die Zahl endemischer Arten ist schlicht beeindruckend. Chamäleons, Insekten, Pflanzen, Lemuren und natürlich die Vogelwelt bieten unzählige Höhepunkte.
Lemuren verschiedenster Arten sind vielerorts gut zu beobachten. Viele der faszinierendsten Tiere und Pflanzen Madagaskars findet man jedoch heute fast ausschließlich in Nationalparks und Schutzgebieten.
Man kann sich freuen, dass diese Gebiete existieren.
Man kann schätzen, dass dort noch Rest-Lebensräume erhalten geblieben sind.
Verlässt man diese Gebiete jedoch, wird man vielerorts mit einer Realität konfrontiert, die mehr als traurig stimmt.
Gerodete Wälder, massive Erosion, verschmutzte Landschaften und eine vielerorts sichtbare Übernutzung der natürlichen Ressourcen prägen das Bild.
Besonders aufgefallen ist mir, wie wenige Vögel außerhalb der Schutzgebiete leben. In Gärten, entlang der Straßen oder auf landwirtschaftlichen Flächen begegnete ich deutlich weniger Vögeln, als ich erwartet hätte. Oft sogar stundenweise gar keinem!
Kurzer Vergleich: Auf unserer Farm, welche in einer Halbwüste in Namibia liegt, kann ich über 2 Tage gute 50 Vogelarten verzeichnen, von denen viele extrem häufig sind. In Madagaskar bewegte ich mich in geschützten Wald-, Regenwald-, Küsten-, und Meereslebensräumen und schaute gute 15 Tage intensiv nach verschiedensten Tier- und Vogelarten. Nun wundert mich, dass die Vogelvielfalt der gesamten Reise nur 66 Arten umfasste.
Es fehlt vielerorts der geeignete Lebensraum. Vielleicht spielen Umweltverschmutzung, Entwaldung oder andere Faktoren eine Rolle. Vielleicht überschätze ich auch einfach die Anpassungsfähigkeit vieler Arten. Sicher ist nur, dass mir dieser Unterschied sehr deutlich aufgefallen ist und hier naturkundlich ohne Zweifel ganz derb der Wurm drin ist.
Leider bin ich ein Pragmat.
Ich bin kein Mensch, der Dinge schönredet.
Ich bin auf einer Farm aufgewachsen und habe schon als Kind gelernt, Verantwortung zu übernehmen und Probleme anzupacken. Deshalb fällt es mir schwer, Entwicklungen zu romantisieren, die ich als problematisch empfinde.
Für mich entsteht eine lebenswerte Welt dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen. Nicht indem sie sich aus der Natur zurückziehen, sondern indem sie sorgsam mit ihr umgehen.
Wo das Umfeld geschützt wird, wo Lebensräume erhalten werden.
Wo Menschen ihr Umfeld sauberer, schöner und lebenswerter hinterlassen, als sie es vorgefunden haben.
In Madagaskar wurde ich traurig.
Nicht, weil die Menschen arm sind. Armut kann sich verändern. Länder können sich entwickeln, Perspektiven können entstehen und Lebensumstände können sich verbessern.
Madagaskar war einst ein Naturwunder von weltweiter Bedeutung. Ein Ort voller einzigartiger Pflanzen, Tiere und Lebensräume, die es nirgendwo sonst auf der Erde gibt.
Und man hat vielerorts das Gefühl, diesem Verlust beinahe in Echtzeit zuzusehen.
Stück für Stück verschwindet etwas, das eigentlich unbezahlbar ist.
Wie man das ändern kann?
Bildung wäre vermutlich ein Anfang. Funktionierende staatliche Strukturen ebenfalls. Wirtschaftliche Perspektiven für die Menschen, ein verantwortungsvoller Umgang mit natürlichen Ressourcen und vielleicht auch eine Politik, die bereit ist, langfristig und konsequent zu handeln.
Denn was hier verloren geht, gehört nicht nur Madagaskar. Es gehört ein Stück weit uns allen.
Bin ich froh, Madagaskar bereist zu haben?
Allemal.
War es für mich ein gutes Erlebnis?
In jeder Hinsicht, ja.
Kann ich es naturkundlich empfehlen?
Noch, mit Vorbehalt!
Ist man dort im Paradies?
Nein!
Ein Freund eines naturorientierten Safari-Unternehmens sagte damals, als ich von meinem Wunsch sprach, nach Madagaskar zu reisen, nur einen einzigen Satz:
„Wenn Du Madagaskar sehen willst, dann tu es jetzt. Morgen geht es vielleicht nicht mehr.“
Wie recht er doch haben könnte.
Oder hoffentlich auch nicht…
Epilog
Dialog im Büro: Ich zu Lisa: „Ich habe jetzt all die Bilder, die Du gemacht hast, von Farben, Farbzusammenstellungen, interessanten Strukturen und Mustern in einen eigenen Ordner gepackt. Aber ganz ehrlich, das alles zu verarbeiten, schaffst Du im Leben nicht.“
Sie antwortete völlig trocken:
„Du hast recht. Ich brauche mehr Leben.“
